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Martin Ciupek, Technik für einen grünen Fußabdruck in:

VDI nachrichten, page 10 - 10

VDI nachrichten, Volume 74 (2020), Issue 30-31, ISSN: 0042-1758, ISSN online: 0042-1758, https://doi.org/10.51202/0042-1758-2020-30-31-10

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VDI Verlag, Düsseldorf
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10 TECHNIK & WIRTSCHAFT 24. Juli 2020 · Nr. 30/31 Von R. Bönsch und M. Ciupek F ast war es wie immer, auf den ersten Digital Days der Hannover Messe vorige Woche. Hochkarätige Vertreter aus Industrie und Politik sprachen bei der Eröffnung über die Bedeutung produzierender Unternehmen in Deutschland, Unternehmen präsentierten ihre Neuheiten und auch der Industriepreis Hermes Award (s. Kasten) wurde verliehen. Nur war diesmal alles digital. Denn die große Industrieschau, die üblicherweise im April auf dem Messegelände stattfindet, wurde in diesem Jahr wegen der Corona-Krise abgesagt. „Die Industrie ist die Basis unseres Wohlstands“, so formulierte es Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, der aus Berlin in die virtuelle Eröffnung der Digital Days zugeschaltet wurde. „Wir befinden uns in der Phase der Stimulierung.“ Von dem rund 130 Mrd. € schweren Konjunktur- und Krisenbewältigungspaket gingen 50 Mrd. € in Zukunftsaufgaben – vom Wasserstoff bis hin zur neuen Mobilität. Alle digitalen Themen stünden weiter auf der Tagesordnung, so der Minister. Das betreffe Industrie 4.0 ebenso wie künstliche Intelligenz und 5G, aber auch das Dateninfrastrukturprojekt Gaia-X. Deutlich wurde, dass Unternehmen, die schon länger auf die Digitalisierung ihrer Fabriken setzen, flexibel auf die Corona-Krise reagieren konnten. „Die Digitalisierung hat uns geholfen die Krise zu überwinden“, berichtete Rolf Najork, CEO von Bosch Rexroth. „Wir konnten Fernwartung machen und aus der Distanz Analysen durchführen.“ Insgesamt stellte er der deutschen Industrie ein gutes Zeugnis aus: „Aus der Not geboren, hat sich gezeigt, dass die Adaptionsfähigkeit vorhanden ist – und zwar nicht nur im Homeoffice, sondern auch in den Fabriken.“ Für Klaus Helmrich, CEO des Geschäftsbereichs Digital Industries bei Siemens, reicht Digitalisierung alleine allerdings nicht aus. Entscheidend sei die Kombination aus Digitalisierung und Automatisierung. Nur so ließen sich Anpassungen einer Fabrik vorab simulieren und direkt in die Anlagensteuerungen übertragen. „Die Praxis zeigt im Krisenmodus, dass die Anwender nun viel schneller bereit sind, sich auf diese Themen einzulassen und sie auch zu nutzen“, sagte er im Gespräch mit den VDI nachrichten (s. Seite 3). Das bestätigten auch IT-Unternehmen. „Wir müssen uns nicht verstecken“, betonte SAP-Vorstandsmitglied Thomas Saueressig. Sein Unternehmen kündigte vorige Woche zusammen mit Siemens eine noch engere Zusammenarbeit in Sachen Industrie 4.0 an. Für Ursula Morgenstern, CEO des IT-Dienstleisters Atos, lässt sich die Beschleunigung der digitalen Transformation an der deutlichen Zunahme von Cloud-Anwendungen ablesen. Doch sie ist auch davon überzeugt, dass in fünf Jahren 75 % der Daten gar nicht mehr in der Cloud liegen werden, sondern bei den Maschinen. Mit Blick auf die vernetzte Datenstruktur und das digitale europäische Ökosystem Gaia-X sagte die Atos-Chefin: „Es ist wichtig, agile Systeme aufzubauen, die Daten ganzer Lieferketten nutzen, ohne dass Menschen dabei die Kontrolle über die eigenen Daten verlieren.“ In der Krise habe sich die Zusammenarbeit mit Lieferanten und Kunden ge- ändert, berichtete Oliver Jung, Vorstandsvorsitzender beim Automatisierer Festo. Sein Unternehmen habe dafür kurzfristig 7000 sichere Verbindungsknoten (VPN) zusätzlich geschaffen. Im Lockdown habe kein einziges Festo- Werk die Produktion aussetzen müssen. Es habe sogar einen unerwarteten Nachfrageschub bei Komponenten für Beatmungsgeräte und Labore gegeben. „Die Globalisierung hat ihren Höhepunkt überschritten“, zeigte sich Jung überzeugt. Künftig werde wieder stärker regional produziert. Eine globale Vernetzung sei nötig, um die Wertschöpfungskette auch über mehrere Unternehmen hinweg steuern zu können. Als derzeit größten Innovationstreiber für Europas Unternehmen sieht Jean- Pascal Tricoire, Chef des französischen Automatisierungskonzerns Schneider Electric, Covid-19. „Digitalisierung hilft uns resilienter und nachhaltiger zu werden“, erklärte er. Auch für den Green Deal der EU zur Förderung nachhaltiger Technologien sieht er gute Perspektiven: Europa habe viele große Unternehmen in der Automatisierung, die solche Dinge entwickelt haben und weiterentwickeln. „Jetzt müssen wir den nächsten Schritt machen.“ Industrie zeigt Wege aus der Corona-Krise Automation: Auf der ersten digitalen Hannover Messe zeigten sich Industrievertreter vorige Woche optimistisch. Digitalisierung gebe Unternehmen die nötige Flexibilität. Der Hermes Award 2020 hat viele Gewinner n Der von der Hannover Messe gestiftete Industriepreis Hermes Award 2020 ging diesmal an eine Organisation. Erstmals wurde auch der „Startup Award“ vergeben. n Die Jury unter dem Vorsitz vom Fraunhofer-Präsident Reimund Neugebauer zeichnete mit Omlox eine globale und ortungstechnologieunabhängige Lösung aus. Stellvertretend für die 60 an der Entwicklung beteiligten Unternehmen um den Werkzeugmaschinenbauer Trumpf wurde der Preis von Matthias Jöst (Komitee-Leiter Omlox) und Céline Daibenzeiher (Trumpf) entgegengenommen. n Der Omlox-Standard vereint alle am Markt verfügbaren Ortungsdienste, wie UWB, WLAN, BLE, GPS oder 5G, und soll Industrieunternehmen helfen, ihre digitalen Prozesse durch Positionsdaten noch genauer zu steuern. Seit Kurzem werden die globalen Aktivitäten rund um Omlox von der Profibus Nutzerorganisation (PNO) koordiniert. Die Technik ist aber unabhängig von dem Feldbusstandard. n Den erstmals verliehenen Startup Award erhielt MSMB Indonesia. Mittels Boden- und Wettersensorik, künstlicher Intelligenz und auf Android basierenden Softwarelösungen hilft die indonesische Firma Landwirten im Inselstaat, wirtschaftlicher zu arbeiten. ciu Technik für einen grünen Fußabdruck Industrie: Umweltfreundliche Technologien bieten laut einer neuen Studie riesige Chancen für Maschinen- und Anlagenbauer. Die Studie beziffert das globale Marktpotenzial in den kommenden drei Jahrzehnten auf mehr als 300 Mrd. € pro Jahr. Dies entspreche 12 % bis 15 % des gegenwärtigen Gesamtumsatzes der Branche und summiere sich bis zum Jahr 2050 auf rund 10 Billionen €. Das hat die Unternehmensberatung Boston Consulting im Auftrag des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) errechnet. Es geht um CO 2 -Äquivalente. Damit wird der Ausstoß von Treibhausgasen bewertet und damit die Nachhaltigkeit. Von den in den OECDund den BRIC-Staaten jährlich erzeugten 35 Gt CO2-Äquivalenten (CO2e) emittiere der Maschinenbau selbst zwar nur 0,2 Gt, er beeinflusse über seine Technologien allerdings die Treibhausgasemissionen nahezu aller Industrien – vom Energiesektor bis zur Landwirtschaft. „Die Maschinenhersteller haben es in der Hand, noch mehr grüne Technologien zu entwickeln. Wichtig ist hier vor allem eine globale Marktperspektive, um größtmöglichen Nutzen zu generieren“, sagte Hartmut Rauen, stellvertretender VDMA-Hauptgeschäftsführer, vorigen Dienstag anlässlich der Präsentation. Mit entsprechender Technik lassen sich CO2-Emissionen von aktuell 35 Gt/a um bis zu 86 % senken, heißt es in der Studie. Bereits jetzt nutzbare technische Hebel dafür seien alternative Energieerzeugungsanlagen, optimierte Heiz- und Kühlsysteme sowie hocheffiziente Industriemotoren. Großes Potenzial wittert die Studie zudem in der Wasserstoffwirtschaft zur klimaneutralen Erzeugung von Kraftstoffen. Geld für nachhaltige Konzepte wäre da. Doch für Nicola Beer, FDP-Europapolitikerin, hat das riesige Milliardenvolumen für die europäische Aufbauhilfe der Wirtschaft in der Corona-Krise bisher zu wenig Zukunft. „Wir müssen jetzt die richtigen Impulse setzen“, mahnte sie auf den Digital Days der Hannover Messe. „Wir müssen jetzt in die richtigen Technologien investieren – insbesondere in Technologieoffenheit.“ Michael Ziesemer, Präsident des Zentralverbands Elektrotechnikund Elektronikindustrie (ZVEI), sieht die Politik und die Industrie nun in der Pflicht, das umzusetzen. „Wir haben technisch und wirtschaftlich die Möglichkeit das zu tun“, stellte er fest. Für seine Branche machte er deutlich: „Wir tun das, um den ökologischen Umbau der Wirtschaft und der Gesellschaft voranzutreiben. Wir tun das aber auch, weil die Unternehmen vom Leitmarkt Deutschland aus auch auf die Weltmärkte gehen.“ ciu Digital vernetzt: Statt voller Messehallen gab es auf den Hannover Messe Digital Days dieses Jahr ein Fernsehstudio und zahlreiche Live-Schaltungen. Foto: Deutsche Messe

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