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Stephan W. Eder, Branche im Dauer-Krisenmodus in:

VDI nachrichten, page 16 - 16

VDI nachrichten, Volume 74 (2020), Issue 30-31, ISSN: 0042-1758, ISSN online: 0042-1758, https://doi.org/10.51202/0042-1758-2020-30-31-16

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VDI Verlag, Düsseldorf
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16 TECHNIK & WIRTSCHAFT 24. Juli 2020 · Nr. 30/31 Branche im Dauer-Krisenmodus Von Stephan W. Eder V iele Maschinenbauer erwarten für 2021 wieder Umsatzwachstum“, verkündet der Verband Deutscher Maschinenund Anlagenbau (VDMA). Die Mehrheit der befragten Mitglieder sei zuversichtlich, bereits 2021 wieder nominale Umsatzsteigerungen zu erzielen, so das Ergebnis einer Blitzumfrage zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona- Pandemie, die der Verband am 9. Juli vorstellte. Bis das Umsatzniveau von 2019 wieder erreicht werde, sei es aber noch „ein langer und steiniger Weg“. Solche Wege kennt eine der Branchen im VDMA seit Jahren gut, da sie einem steten, teils krisenhaften Wandel unterliegt: der Druckmaschinenbau. Bei Branchenprimus Heidelberger Druckmaschinen AG (HDM) schlug im 4. Quartal des Geschäftsjahrs 2019/2020 (Ende 31. März 2020) die Corona-Krise in den Wachstumsmärkten China und USA zu. Das Resultat: 2,349 Mrd. € Jahresumsatz, 6 % unter dem Vorjahr. Als weiteren Ausblick rechnet CEO Rainer Hundsdörfer mit einem Umsatz im laufenden Geschäftsjahr „deutlich unter Vorjahresniveau“. Die Corona-Notbremse: Der HDM- Vorstand zieht – wieder einmal – die Reißleine, schließt zum Jahresende Geschäftsfelder, reorganisiert und will weltweit 1600 Stellen streichen. Zudem sagte man die Leitmesse Drupa im kommenden Jahr ab. Dabei dient die Drupa in Düsseldorf Maschinenbauern wie Kunden alle vier Jahre als Taktgeber. Sie fiel – geplant für Juni dieses Jahres – der Corona-Krise zum Opfer. Nicht nur die Heidelberger sagten für 2021 ab, auch der japanische Konkurrent Komori und der US-Digitaldruckmaschinenhersteller Xerox. Trotzdem sehe die Messe Düsseldorf „im Moment keinerlei Veranlassung, über eine erneute Verschiebung der Drupa nachzudenken“, so Drupa-Direktorin Sabine Gelder- Druckmaschinenbau: Seit Jahren vom Strukturwandel gebeutelt, gilt der Sektor als in rauer See erprobt. Doch die Corona-Pandemie ist ein Schlag ins Kontor. Eine Studie der IG Metall sieht die deutschen Hersteller als Übernahmekandidaten. mann von der Messe Düsseldorf gegenüber den VDI nachrichten. Geldermann führt einen hohen Buchungsstand (1500 Ausstellern auf 140 000 m2 gebuchter Hallenfläche) ins Feld. HDM-Konkurrent Koenig & Bauer, dessen Chef Claus Bolza-Schünemann auch als Drupa-Präsident agiert, stellt sich voll hinter die Messe. Das Unternehmen sei gut aufgestellt, der Messestand werde bereitgehalten. Die unterschiedlichen Reaktionen der beiden Traditionsunternehmen sind ein Zeichen dafür, wie verschieden die Branche aufgestellt ist. Branchenzahlen sind schwer zu erhalten. Das zeigt auch eine aktuelle Branchenstudie der IG Metall, die den VDI nachrichten vorliegt und die den Status quo vor der Corona- Krise abbildet. Hinzu kommt eine Corona-Kurzumfrage der Gewerkschaft im deutschen Maschinenbau, der auch acht Hersteller des Druckmaschinensektors beinhaltet. In den meisten der acht Unternehmen herrscht seit April Kurzarbeit. Zwischen 25 % bis 50 % ist die Arbeitszeit abgesenkt. Zwar machen sich die befragten Betriebsräte mehrheitlich keine Sorgen um eine Verlagerung der Produktion, aber immerhin ein gutes Drittel hält das eigene Unternehmen für insolvenzgefährdet. Aktuell hapert es an der Liquidität, an eingehenden Aufträgen und beim Absatz, lässt sich der Kurzstudie entnehmen. „Die Druckmaschinenindustrie hat in den vergangenen Jahren eine Krise durchlaufen. Die Anzahl der Beschäftigungsverhältnisse hat sich nahezu halbiert“, sagt Astrid Ziegler, im IG-Metall-Vorstand zuständig für Industriepolitik, im Gespräch mit den VDI nachrichten. „Nach Jahren der Personalreduktion verlief ab 2017 der Trend erstmals wieder gegenläufig“, so Ziegler zum Zustand der Branche. Dann kam Corona. Konkretere Angaben über den deutschen Druckmaschinenbau seien aber „schwierig“, so Markus Heering, Geschäftsführer des Fachverbands Druck- und Papiertechnik im VDMA. Die Märkte, in denen die Unternehmen agierten, seien „sehr verschieden“. Entsprechend unterschiedlich seien sie vom Strukturwandel und auch von der Corona- Krise betroffen. Heering nennt zwei Beispiele: „Der Verpackungsdruck steht seit Jahren für ein wichtiges Wachstumssegment. Im Bereich Verpa- Druckleitmesse Drupa: Der deutsche Druckmaschinenhersteller Koenig & Bauer war 2016 dabei und will auch 2021 mit von der Partie sein. Andere Branchengrößen sagen ab. Foto: Koenig & Bauer/Thomas Berberich Photography Virtuelle Realität (VR) in der Lehre: Deutsche Druckmaschinenbauer setzen stark auf Digitalisierung. Sie wenden heute schon neuartige VR-Techniken an, wie diese Technik aus der Fraunhofer-Gesellschaft. Foto: Fraunhofer IGD ckungen gibt es zum Teil auch in der Corona-Krise sogar noch Zuwächse.“ Andere Sparten, wie der Zeitungsdruck, seien seit Jahren ohnehin stagnierend oder rückläufig und bekämen die Corona-Krise zusätzlich zu spüren. Die Dauerkrise mache die deutschen Druckmaschinenbauer zu Übernahmekandidaten, so die IG- Metall-Studie, zum Beispiel durch die Hersteller von digitalen Officedruckmaschinen, die in der Regel als Teilbereiche größerer Konzerne agieren. Als Reaktion sei es denkbar, „die Anzahl strategischer Partnerschaften“ auch mit Officedruckherstellern zu steigern. Zudem legt die Studie nahe, dass die deutschen Druckmaschinenbauer untereinander mehr kooperieren sollten. Wie aber rauskommen aus der Dauerkrise? „Die Zukunft der Druckmaschinenhersteller hängt von ihrer Innovationsfähigkeit ab. Dazu braucht es frische Ideen, fundiertes Wissen, spezielle betriebliche Kenntnisse und eine offene, altersgerechte und gesundheitsförderliche Arbeitskultur“, so Ziegler. Wichtig ist der Gewerkschafterin dabei die Mitbestimmung, nur so ließe sich garantieren, dass die Beschäftigten mitgenommen würden. Dabei gehören die Druckmaschinenbauer in Sachen Digitalisierung seit Jahren mit zu den Vorreitern der deutschen Industrie. Die Druckmaschinenindustrie sei „Vorreiter und zeigt auf, wohin die Reise geht“, sagt Ziegler. Technische Innovationen mit neuen Geschäftsmodellen zu verbinden, darin liege eine Stärke des Druckmaschinenbaus in Deutschland. Schlecht aufgestellt ist der deutsche Druckmaschinenbau also nicht, vor allem nicht im kritischen Bereich der Digitalisierung. Kein Wunder also, wenn HDM zu einem der Erstanwender von Digitaltechnik in der Lehre gehört wie dem virtuellen Trainingstool Machine@ - Hand, das das Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung im Herbst 2019 vorstellte (s. großes Foto). Früher mussten Auszubildende große Maschinen komplett zerlegen, heute kommt VR zum Einsatz. Drupa n Weltleitmesse des Druckmaschinenbaus, findet seit 1951 alle vier oder fünf Jahre auf der Messe Düsseldorf statt. n Corona-bedingt verschoben: Statt im Juni 2020 findet die Drupa im April 2021 statt. n Verkürzung: Im Juli teilte die Messe mit, sie werde die Drupa von elf auf neun Tage kürzen.

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