Content

Barbara Willms, Kann das weg? in:

VDI nachrichten, page 25 - 25

VDI nachrichten, Volume 74 (2020), Issue 30-31, ISSN: 0042-1758, ISSN online: 0042-1758, https://doi.org/10.51202/0042-1758-2020-30-31-25-1

Browse Volumes and Issues: VDI nachrichten

VDI Verlag, Düsseldorf
Bibliographic information
24. Juli 2020 · Nr. 30/31 FINANZEN 25 n PARKETTNOTIZEN Eine längst überfällige Reform Der insolvente Skandalkonzern Wirecard wird nun wohl doch schneller aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) fliegen als ursprünglich vorgesehen. Dafür muss die Börse die Regeln ändern. Und das ist einigermaßen kompliziert. Aufgeflogen war Wirecard, nachdem die Prüfungsgesellschaft EY der Jahresbilanz das Testat verweigert hatte. Die Herkunft von fast 2 Mrd. € konnte nicht nachgewiesen werden. Heute weiß man: Das Geld existiert nicht. Inzwischen gibt es Geständnisse eines Managers über groß angelegten Betrug. Ein ehemaliger Vorstand ist auf der Flucht. Der Ex-Chef wurde nach Kautionszahlung auf freien Fuß gesetzt. Dieser Stoff ist nicht nur Hollywood-tauglich. Er hätte auch Grund genug sein müssen, den inzwischen insolventen Zahlungsdienstleister aus dem Dax zu werfen. Doch das Regelwerk sieht einen solchen Rausschmiss nicht vor. Lange hat sich die Börse auf dieses Regelwerk zurückgezogen. Doch der Druck von Aktionärsschützern, Fondsmanagern und anderen Dax- Mitgliedern, denen die schmuddelige Nachbarschaft unangenehm wurde, war zu groß. Eine Umfrage unter Marktteilnehmern soll nun die Änderung anstoßen. Bislang entscheiden nur harte Kriterien über eine Indexmitgliedschaft. Zu den Dickschiffen der Börse zählen Unternehmen nur, wenn der Wert der gehandelten Aktien und der Umsatz damit stimmen. „Weiche“ Kriterien wie die Branchenzugehörigkeit zählen nicht. Aussortiert wird nur zu festen Terminen. Nach den geltenden Indexregeln würde Wirecard demnach erst zum 21. September aus dem Dax fliegen. Wenn die nun angerechten Änderungen greifen, könnte Wirecard schon im August absteigen. In dem Falle würde das den Absturz in die Bedeutungslosigkeit bedeuten, da Wirecard für keinen Index mehr taugt. Bis Ende September könnte die Börse noch umfassendere Reformen beschließen. Theodor Weimer, der Vorstandschef der Deutschen Börse, hatte schon eine Vergrößerung des aus 30 Mitgliedern bestehenden Dax ins Spiel gebracht. Dieser Schritt würde allerdings eine Menge Bewegung bringen, da sich fortan mehr Unternehmen die Klinke in die Hand geben dürften. Diversität kostet Kontinuität. Den Unternehmen liegt vor allem eine Reform der Berichtspflichten am Herzen. Sie wünschen sich, dass die Quartalsberichte abgeschafft werden. Bislang müssen Firmen, die einem Prime- Index der Börse angehören wollen, viermal im Jahr ihre Zahlen vorlegen. Auch Analysten und Marktteilnehmer halten Jahres- und Halbjahreszahlen für ausreichend, um sich ein Bild von einem Unternehmen machen zu können. Allzu oft haben sich Konzerne als zahlengetrieben erwiesen. Heißt: Langfristige strategische Ziele wurden auf dem Altar des schnellen Erfolgs geopfert. Klar ist bislang nur, dass Pleiteunternehmen nichts in der Dax-Familie zu suchen haben. Das allerdings hätte man auch schon im Nachgang zur Finanzkrise entscheiden müssen. Damals waren Commerzbank und die Skandalbank Hypo Real Estate in letzter Minute vom Staat gerettet worden. Wer bis dahin die Pleite eines Dax-Konzerns noch für unmöglich hielt, wurde eines Besseren belehrt. Stefan Wolff arbeitet als Finanzjo urnalist u. a. für das ARD-Börsenstudio. Fo- Kann das weg? Aufbewahrungspflichten: Privatpersonen müssen Dokumente längst nicht so lange vorhalten wie viele glauben. Oft hat das Archivieren aber Vorteile. Von Barbara Willms D ie Pandemie hat viele an den heimischen Arbeitsplatz gezwungen. Zeit, den Schrank mit alten Ordnern einmal auf Vordermann zu bringen. Doch was von den Verträgen, Rechnungen und anderen Dokumenten wann weg kann, weiß längst nicht jeder. „Viele denken zum Beispiel, es gäbe generell eine zehnjährige Frist“, sagt Elke Weidenbach von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen (VZ NRW). „Dabei gibt es für Privatpersonen kaum gesetzliche Aufbewahrungsfristen. Eine Ausnahme ist: Zahlungsbelege und Hand wer ker rechnungen für Leistungen an Immobilien müssen zwei Jahre lang aufbewahrt werden.“ Die Frist läuft nicht ab dem Rechnungsdatum, sondern ab dem Beginn des Folgejahres, eine Rechnung vom 24. 7. 2020 muss demnach bis zum 31. 12. 2022 aufbewahrt werden. Wissen und gesunder Menschenverstand sind gefragt, wo der Gesetzgeber keine Frist vorgibt. „Kaufbelege sollten so lange aufbewahrt werden, wie die gesetzliche Gewährleistung gilt, also zwei Jahre, damit eventuelle Mängel reklamiert werden können“, rät Weidenbach, „darüber hinaus, wenn der Hersteller eine längere Garantie einräumt oder eine Garantieverlängerung abschlossen wurde.“ Bei Versicherungen ist das Wichtigste die Police. Sie sollte während der Laufzeit im Original aufbewahrt und bei Verlust Ersatz beantragt werden, erklärt die Verbraucher expertin: „Bei der Lebensversicherung braucht man die Police in der Regel für die Auszahlung.“ Generell gilt: Policen, Vertragsänderungen, Rechnungen, Schriftverkehr zu Schadensfällen sollte man mindestens bis zum Laufzeitende aufbewahren. Drei Jahre länger sind aber besser, denn in einigen Fällen können auch nach Vertragsende noch Ansprüche geltend gemacht werden. Tipp für die Hausratversicherung: Kaufbelege für Möbel, Schmuck und Co. ebenfalls aufheben – je mehr im Schadensfall belegt werden kann, umso leichter wird der Schaden reguliert. Konto, Steuern, Wohnen: Privatpersonen müssen Kontoauszüge grundsätzlich nicht aufbewahren, dennoch rät Juliane Weiß vom Bundesverband deutscher Banken dazu, um später beweisen zu können, dass eine Zahlung geleistet wurde: „Ein guter Anhaltspunkt ist die Verjährungsfrist von drei Jahren, die für die meisten Alltagsgeschäfte gilt.“ Wichtig werden die Auszüge aus steuerlicher Sicht, wenn eine Privatperson Einkünfte von mehr als 500 000 € im Jahr hat. Dann müssen alle relevanten Steuerunterlagen sechs Jahre lang aufbewahrt werden. Eine Sprecherin im Bundesfinanzministerium empfiehlt darüber hinaus, Steuerbescheide und Belege vier Jahre lang aufzubewahren: „Es kann zum einen vorkommen, dass das Finanzamt nachträglich Nachweise für einzelne Posten anfordert, zum anderen werden die Steuerbescheide vielleicht zur Vorlage bei anderen Stellen benötigt.“ Beim Wohnen gilt für Immobilienbesitzer: Wichtige Unterlagen wie der Kaufvertrag sind bis zum Verkauf aufzubewahren. Mieter sollten alte Verträge und Übergabe protokolle drei Jahre lang aufheben. Frühestens zum Rentenbeginn, sollte man sich von Unterlagen trennen, die zur Berechnung der Rentenhöhe dienen, zum Beispiel Sozialversicherungsnachweise, Gehaltsabrechnungen, Arbeitsverträge und Nachweise über Ausbildungsund Studienzeiten. Nicht rentenrelevant, dennoch verwahrenswert sind Zeugnisse der schulischen, akademischen und Berufsausbildung. Lebenslang aufbewahren sollte man Geburts- und Heiratsurkunden, Sterbeurkunden von Angehörigen sowie wichtige Gesundheitsunterlagen und Gutachten. Da sammelt sich im Laufe eines Lebens eine Menge an Dokumenten an. Nur wenige müssen heute aber noch in Papierform aufbewahrt werden: „Das betrifft nur Urkunden, Zeugnisse, alle behördlichen Nachweise und bestimmte behördliche Bescheide“, berichtet Marcus Werner, Fachanwalt für IT-Recht in Köln. „Privatpersonen dürfen alle sonstigen Unterlagen einscannen und die Originale dann vernichten.“ Gerade bei umfangreicheren Sachverhalten kann es leicht un- übersichtlich werden, wenn man eine bestimmte Textinformation oder Abbildung sucht. Werner rät daher, die Scans mit einer OCR-Software (optische Zeichen- oder Texterkennung) zu behandeln: „So hat man bearbeitbare und durchsuchbare Dokumente, die darüber hinaus in einem Dokumentenmanagementsystem verschlagwortet werden können.“ Wie für alle wichtigen Dinge, die man digital erhalten möchte, gilt: Die Unterlangen sollten regelmäßig und mehrfach abgespeichert werden, zum Beispiel auf einer zweiten Festplatte oder in einer Cloud, um den Ausfall eines einzelnen Speichermediums im Notfall verschmerzen zu können. Weniger ist mehr: Nur wenige Dokumente müssen im Original aufbewahrt werden. Häufig genügt ein Scan. Foto: panthermedia.net/Miro-Novak „Für Privatpersonen gibt es kaum gesetzliche Aufbewahrungsfristen.“ Elke Weidenbach, Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen

Chapter Preview