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Peter Steinmüller, Tod und Trauer in:

VDI nachrichten, page 26 - 27

VDI nachrichten, Volume 74 (2020), Issue 30-31, ISSN: 0042-1758, ISSN online: 0042-1758, https://doi.org/10.51202/0042-1758-2020-30-31-26-5

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VDI Verlag, Düsseldorf
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26 TECHNIK & KULTUR 24. Juli 2020 · Nr. 30/31 Die getöteten Piloten und ihre Familien „Absturzgeld“ für die Witwen „Behandle sie wie eine Dame, sonst bringt sie dich um!“ sagten die Starfighterpiloten über ihr Fluggerät. Alleine im Jahr 1965 starben 15 Soldaten bei 26 Abstürzen. Doch dass nicht nur Pilotenfehler schuld waren, erfuhr die fassungslose Öffentlichkeit erst durch einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Absturz von Siegfried Arndt am 18. Juli 1966. Zwar landete der Oberleutnant lebend am Fallschirm in der Nordsee. Aber obwohl zwei Marineschiffe in der Nähe waren, ertrank er wegen der mangelhaften Überlebensrüstung. Ein Minensuchboot überfuhr noch den Leichnam, der vier Wochen später am Strand angeschwemmt wurde. Mit Bitterkeit stellte „Die Zeit“ die Kosten für die Nachbesserungen beim Starfighter denen für die Hinterbliebenen gegenüber: „Die Witwen sind am billigsten.“ Die Höhe des „Absturzgeldes“ betrug 1970 40 000 DM , nach heutiger Kaufkraft knapp 70 000 €. Dazu kam eine bescheidene Rente.Foto: dpa Picture-Alliance/Klaus Heirler Davy Crockett Die verweigerte Atomwaffe Gegen die Übermacht des Warschauer Paktes bei Soldaten und Panzern setzten die USA in den 1950er-Jahren auf eine Vielzahl taktischer Atomwaffen wie „Davy Crockett“ (Foto). Die US-Regierung erkannte jedoch rasch, dass das Absenken der Schwelle zum Nuklearkrieg diesen nur wahrscheinlicher machen würde. Franz Josef Strauß dagegen war überzeugt, dass nur massive atomare Abschreckung den Frieden sichern könne. Die USA verweigerten die von Strauß gewünschte Ausstattung der Bundeswehr mit Davy Crockett, lieferten aber den für nukleare Bomben aufgerüsteten Starfighter. Besonders makaber: Mit einer Reichweite von höchstens 4 km wäre „Davy Crockett“ die eigene Bedienungsmannschaft zum Opfer gefallen. Foto: Chuck Hansen/public domain Der Starfighter in US-Diensten Schlanker Schönwetterflieger „Rakete mit Flügeln“ gehört zu den netteren Spitznamen des Starfighters. Konstrukteur Kelly Johnson hatte die F-104 mit dünnen Flügeln, einer Spannweite von knapp 7 m und dem schlanken Rumpf für das Abfangen sowjetischer Langstreckenbomber in gro- ßer Höhe optimiert. Reichweite, Agilität und Allwettertauglichkeit hatten keine Bedeutung. Bei der Bundeswehr sollte der Starfighter dagegen nicht nur als Jäger dienen, sondern auch als Aufklärer und Jagdbomber dicht über dem Boden oder dem Meer bei Nacht und schlechtem Wetter in feindliches Gebiet eindringen. Entsprechend groß waren die technischen Änderungen. Die deutsche Version war ein Drittel schwerer als die US-amerikanische. Foto: USAF/public domain Von Peter Steinmüller F ranz Josef Strauß brauchte eine Sonnenbrille, als er am 22. Juli 1960 den Flugbetrieb mit den ersten zehn Starfightern der Bundeswehr in Nörvenich eröffnete. Was weder der Bundesverteidigungsminister noch die Offiziere und Journalisten an diesem Sommertag in der Eifel ahnten: Von den mehr als 900 beschafften Lockheed F-104 G Starfighter sollte in drei Jahrzehnten ein Drittel abstürzen, 116 Piloten ihr Leben verlieren. Als „Witwenmacher“ und „fliegender Sarg“ wird der Starfighter bis heute geschmäht. Die Suche nach Ursachen und Verantwortlichen beschäftigte die Öffentlichkeit über Jahre. Die Antwort gab der Fernsehredakteur Rudolf Woller auf dem Höhepunkt der Krise: „Man kann sich nicht Sicherheit kaufen, indem man für ein paar Milliarden Mark Hunderte moderne Flugzeuge anschafft und sich dann nicht mehr darum kümmert.“ Die Verantwortlichen hatten nicht einfach einen neuen Flugzeugtyp bestellt, sondern ein Tod und Trauer Dassault Mirage III Die Favoritin von Kanzler und Minister Schärfste Konkurrentin des Starfighters war die französische Mirage III. Bundeskanzler Konrad Adenauer und Franz Josef Strauß wollten ihr zunächst zur Stärkung der deutsch-französischen Partnerschaft den Vorzug geben, bevor der Verteidigungsminister umschwenkte. Die Luftwaffenoffiziere dagegen setzten nach Vergleichsflügen auf den Starfighter. Bei den israelischen Luftstreitkräften (Foto) zeigte sich die Mirage gegenüber den sowjetischen Jagdflugzeugen in arabischen Diensten deutlich überlegen. Schwachpunkt war ihr kompliziertes Radargerät, das die Israelis ersatzlos ausbauten und durch einen Betonklotz ersetzten, um die Trimmung nicht zu verändern. Foto: Pridan Moshe/Government Press Office Das Zell-Projekt Rampenstart mit Rakete In 8 s von 0 auf 500 km/h: So beschleunigte der Starfighter beim Projekt Zell (Zero Length Launch). Wären die Fliegerhorste durch Atomwaffenangriffe zerstört worden, hätten diese Maschinen nach einem Senkrechtstart den nuklearen Gegenschlag geführt. Die auf voller Leistung laufende Turbine mit eingeschaltetem Nachbrenner katapultierte zusammen mit einem Raketentreibsatz das bis zu 15 t schwere Flugzeug in 8,25 s in eine Höhe von 170 m, wo sich dann der Hilfsantrieb vom Rumpf löste. Dank einer vom Flugzeugbauer VFW entwickelten Rampe hätte der Start nahezu von jedem Acker aus erfolgen können, für die Landung war allerdings eine Flugpiste notwendig. Im Jahr 1966 wurden die Tests eingestellt – die Bundeswehr schätzte die Gefahr feindlicher Nuklearangriffe mittlerweile niedriger ein. Fo to : S te in m ül le r 24. Juli 2020 · Nr. 30/31 TECHNIK & KULTUR 27 Die getöteten Piloten und ihre Familien „Absturzgeld“ für die Witwen „Behandle sie wie eine Dame, sonst bringt sie dich um!“ sagten die Starfighterpiloten über ihr Fluggerät. Alleine im Jahr 1965 starben 15 Soldaten bei 26 Abstürzen. Doch dass nicht nur Pilotenfehler schuld waren, erfuhr die fassungslose Öffentlichkeit erst durch einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Absturz von Siegfried Arndt am 18. Juli 1966. Zwar landete der Oberleutnant lebend am Fallschirm in der Nordsee. Aber obwohl zwei Marineschiffe in der Nähe waren, ertrank er wegen der mangelhaften Überlebensrüstung. Ein Minensuchboot überfuhr noch den Leichnam, der vier Wochen später am Strand angeschwemmt wurde. Mit Bitterkeit stellte „Die Zeit“ die Kosten für die Nachbesserungen beim Starfighter denen für die Hinterbliebenen gegenüber: „Die Witwen sind am billigsten.“ Die Höhe des „Absturzgeldes“ betrug 1970 40 000 DM , nach heutiger Kaufkraft knapp 70 000 €. Dazu kam eine bescheidene Rente.Foto: dpa Picture-Alliance/Klaus Heirler hochkomplexes Waffensystem, das mit zweifacher Schallgeschwindigkeit bis in die Stratosphäre vorstoßen konnte. Alleine von 1961 bis 1965 musste die Bundeswehr 700 Maschinen in ihren Flugbetrieb integrieren. Offiziere und Feldwebel hatten häufig ihr fliegerisches Wissen noch im Zweiten Weltkrieg erworben, Technische Offiziere mit Ingenieurdiplom waren selten. Weil die F-104 in der Bundesrepublik, den Niederlanden, Belgien und Italien an insgesamt 25 Standorten in Lizenz produzierte wurde, unterschieden sich die Bauzustände von Maschine zu Maschine und erschwerten die Wartung durch unbedarfte Wehrpflichtige zusätzlich. Gebäude und Infrastruktur auf den Flugplätzen stammten aus Kriegstagen, wegen fehlender Hangars parkten die Flugzeuge mit ihrer empfindlichen Elektronik im Freien. Dass die Probleme mit dem Starfighter nicht im Flugzeugtyp selbst begründet waren, zeigte der Vergleich mit anderen Nato-Staaten. Bei ihnen war die Unfallrate weit niedriger. Die vom Luftwaffeninspekteur Johannes Steinhoff angeordneten Maßnahmen senkten ab 1967 drastisch die Absturzrate und vor allen Dingen die Zahl der getöteten Piloten. Dazu investierte die Bundeswehr in die Qualifikation ihrer Soldaten. Die Piloten erhielten eine leistungsfähige Seenotrettungsausstattung sowie das entsprechende Überlebenstraining. Die Zahl der Flugstunden wurde ebenso erhöht wie die Besoldung. Gleichzeitig durften die Piloten vor dem 40. Lebensjahr nicht mehr zu besser dotierten Jobs bei der Lufthansa wechseln. Das Bodenpersonal wurde besser ausgebildet und um zivile Facharbeiter ergänzt. Bei den Piloten war der Starfighter trotz aller Gefahren beliebt. Als „Maserati unter den Jets“ bezeichnet ihn ein Pilot in einer ZDF-Dokumentation. Ein anderer erinnert an die allgegenwärtige Gefahr eines Dritten Weltkriegs, als ständig zehn Starfighter mit untergehängter Atombombe bereitstanden: „Wenn man mir gesagt hätte: Du fliegst jetzt nach Rostock-Laage oder nach Warschau, kommst aber nicht zurück, weil der Sprit nicht reicht, dann wäre ich da hingeflogen – und ich hätte auch getroffen.“ Zeitgeschichte: Mit dem Starfighter traf vor 60 Jahren ein Hightechflugzeug auf eine überforderte Armee. Mit tödlichen Folgen. Fot o: im ag o im ag es /S ve n Si m on Johannes Steinhoff Der Krisenmanager „Der steckt zehn Staatssekretäre in die Tasche“, sagte einmal Helmut Schmidt über Johannes Steinhoff. Bevor der Generalleutnant im Herbst 1966 sein Amt als Inspekteur der Luftwaffe antrat, hatte er zehn Tage lang mit dem Verteidigungsministerium weitreichende Vollmachten ausgehandelt, um die Starfighter-Probleme zu lösen. Sein bei einem Flugunfall in den letzten Kriegstagen entstelltes Gesicht verlieh ihm besondere Glaubwürdigkeit, wenn er öffentlich für sein Krisenmanagement warb. Dazu zählte die Einführung eines neuen Schleudersitzes. Das von Lockheed mitgelieferte Modell (Foto) funktionierte nur ab einer bestimmten Geschwindigkeit. Der Sitz von Martin Bak er rettete den Piloten selbst noch aus einem stehenden Flugzeug, was bei Start- und Landeunfällen wichtig war. Foto: imago images/sepp spiegl Franz Josef Strauß Der Entscheider Der Verteidigungsminister war ein entschiedener Verfechter der atomaren Abschreckung. Die Fähigkeit der deutschen Starfighter-Variante, US-Atombomben zu tragen, sicherte der Bundesregierung die Mitsprache in der Nato beim Kernwaffeneinsatz. Strauß verstand die Kaufentscheidung aber auch als wirtschaftspolitischen Akt, der die Luftfahrtindustrie besonders in Bayern dank der Lizenzbauten an das internationale Branchenniveau heranführen sollte. Mitte der 70er-Jahre wurde bekannt, dass Lockheed den Exporterfolg des Starfighters mit 22 Mio. $ Schmiergeldern gefördert hatte. Dass etwas davon nach Deutschland oder direkt an Strauß floss, wurde nie bewiesen. Die politische Verantwortung für das Starfighter-Debakel musste der CSU-Politiker nicht mehr übernehmen: Ende 1962 trat er wegen der sogenannten Spiegel-Affäre zurück. Foto: dpa Picture-Alliance/Bildarchiv

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