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Stefanie Hornung, „Berater kommen bei mir nicht ins Haus!“ in:

VDI nachrichten, page 28 - 29

VDI nachrichten, Volume 74 (2020), Issue 30-31, ISSN: 0042-1758, ISSN online: 0042-1758, https://doi.org/10.51202/0042-1758-2020-30-31-28-1

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VDI Verlag, Düsseldorf
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n KOMMENTAR Ausgedient Jetzt schleicht sie wieder durch das Sommerloch, die allgemeine Dienstpflicht für junge Menschen. Angestoßen durch die Forderung der Wehrbeauftragten Eva Högl nach Wiedereinführung der Wehrpflicht, folgte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer mit der Ankündigung eines Freiwilligendienstes in der Bundeswehr. Vergangene Woche legte der scheidende Militärbischof Sigurd Rink mit der Forderung nach einer Dienstpflicht nach. Dabei ignorieren die Verfechter von Dienstund Wehrpflicht die wirtschaftspolitischen Diskussionen der vergangenen Jahre. Erinnert sich noch jemand an die in Endlosschleife wiederholte Klage, Deutschland habe die ältesten Berufsanfänger und die jüngsten Rentner? Wie deshalb im Namen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit die Verkürzung der Gymnasialzeit gegen den Widerstand von Bildungsexperten, Lehrern und Elternvertreter durchgeboxt wurde? Dabei hat sich die weltweite Konkurrenz seitdem noch einmal verschärft, die Expansion Chinas und die Vormacht der US- Internetkonzerne sind bekannte Beispiele. Doch um gegenhalten zu können, braucht es kluge Köpfe mit soliden Qualifikationen. Längst mindert der Fachkräftemangel das Wachstum von Unternehmen. Hoffnungen richten sich besonders auf Frauen, die sich zunehmend für Mint-Fächer entscheiden. Ihre Zahl hat sich in zehn Jahren um ein Drittel erhöht. Diese angehenden Ingenieurinnen, Informatikerinnen und Physikerinnen würden mit einem Pflichtdienst erst einmal abgehalten, ihr Wunschstudium aufzunehmen und kämen erst mit Verspätung auf den Arbeitsmarkt, wo sie längst dringend erwartet werden. Viele von ihnen würden in einem Pflichtdienst genau wieder mit jenen klassischen Aufgaben betraut, die traditionell Frauen zugewiesen wurden, etwa in der Krankenversorgung und Pflege. Und dort genau jene Frauen verdrängen, die jetzt dort zum Niedriglohn arbeiten müssen. Der Arbeitsmarktexperte Hilmar Schneider warnte schon vor zwei Jahren: „Ökonomisch gesehen ist das ziemlicher Unfug. Das Pflichtjahr führt dazu, dass man junge Menschen zu etwas zwingt, was sie nicht wollen – oder sogar nicht gut können. Gleichzeitig hält man sie davon ab, das zu tun, worin sie wirklich gut sind.“ Diese Argumente gelten immer noch. n psteinmueller@vdi-nachrichten.com Peter Steinmüller, Ressortleiter: Ein Pflichtdienst verschwendet das Potenzial junger Menschen. Foto: VDIn/Zillmann 28 KARRIERE & MANAGEMENT 24. Juli 2020 · Nr. 30/31 Von Stefanie Hornung VDI nachrichten: Herr Grupp, Sie leiten Trigema seit mehr als 50 Jahren. Hat sich die Form Ihrer Unternehmensstrategie seither einschneidend verändert? Grupp: Die Hauptaufgabe eines Unternehmers war schon immer, den Wandel der Zeit rechtzeitig zu erkennen und entsprechend zu handeln. Als die Kaufhaus- und Versandhauskönige Karstadt, Hertie, Quelle, Neckermann usw. die Preise drücken wollten, war ich mir nicht zu schade, auch mit SB-Kunden wie Metro oder Discountern wie Aldi zusammenzuarbeiten. Als Aldi nach langjähriger Zusammenarbeit eine Eigenmarke wollte, hätte ich diese zwar produziert, nur forderte man gleichzeitig eine starke Preisreduktion. Das musste ich ablehnen, denn eine Eigenmarke hätten auch Firmen in China produzieren können. Es wäre ein konstanter Preiskampf entstanden. Ich musste in einer bedarfsgedeckten Wirtschaft auch einen Teil der Handelsfunktion in eigene Hände nehmen. Deshalb habe ich unsere Testgeschäfte als Ausgleich zu den Kaufhauskönigen und den Trigema-Online-Shop als Ausgleich zu den Versandhauskönigen aufgebaut. Welche Rolle spielt die Digitalisierung? Brauchen wir angesichts von sich beschleunigenden Innovationszyklen nicht eine neue Form der Führung? Sie sehen hier kein einziges digitales Gerät auf meinem Schreibtisch. Wenn Sie mit mir durch die Firma gehen, kann ich Ihnen aber auf Anhieb sagen, was gut läuft und was nicht. Die Digitalisierung ist ein Top hilfsmittel, aber nur, wenn wir darüber das Gefühl für unser Geschäft nicht verlieren. Sie setzen schon länger auf Nachhaltigkeit, sind aber als Unternehmer auch an Wachstum interessiert. Beißt sich das nicht? Wachstum erreichen wir nicht durch Masse, da können wir nicht mit Billiglohnländern mithalten. Nicht Stückzahl ist entscheidend, sondern unsere Fähigkeit zur Innovation. Dazu passt Nachhaltigkeit. Diese bietet eine Chance, sich vom Wettbewerb abzuheben und sich unabhängig zu machen. Wir produzieren zu 100 % Eigenstrom mit Kraft-Wärme-Kopplung. Als die ersten Solarpanels kamen, habe ich soweit wie möglich alle Dächer damit ausgestattet. Das macht mich autark und kein Energieunternehmen kann mir die Preise diktieren. Welche Bedeutung hat die heimische Produktion? Wir brauchen in unserem Heimatland Produktionsarbeitsplätze. Entwickelt und geforscht wird nicht am Schreibtisch, sondern an den Maschinen. Lagern wir diese aus, werden die anderen uns Arbeit abnehmen, aber gleichzeitig auch entwickeln und forschen. Wenn wir das zulassen, werden wir das Vorzeigewirtschaftsland, das wir von Vätern und Großvätern geerbt haben, nicht mehr an unsere Kinder weitergeben können. Trigema produziert zu 100 % in Deutschland, angefangen von der Stoffherstellung über die Ausrüstung in Färberei und Bleicherei, die Veredlung in Stickerei und Druckerei bis hin zur sehr aufwendigen Konfektion. Deshalb habe ich sofort ja gesagt, als mich der Verfahrenstechniker Michael Braungart ansprach, um mit ihm sein Cradleto-Cradle-Prinzip, einen Ansatz für konsequente Kreislaufwirtschaft, in unserer Firma weiterzuentwickeln. Begriffe wie Wertschätzung und Achtsamkeit werden heute sehr stark betont. Wie erklären Sie sich das? Sind diese beiden Tugenden Mangelware? Die Anonymität greift immer mehr um sich; die persönliche Zusammenarbeit wird immer seltener. Das liegt daran, dass Firmen aufgrund von Gier und Größenwahn meinen, immer größer werden zu müssen, dann Investoren hereinnehmen, die es ausschließlich auf den Profit abgesehen haben. Dadurch lassen sie die Werte, die so wichtig sind für ein Zusammenleben, vollkommen au- ßer Acht. Wie wichtig ist eine Streitkultur für erfolgreiches Unternehmertum? Ich brauche Widerspruch und frage konstant meine Mitarbeiter nach ihrer Meinung. Alle unsere Führungskräfte haben als Lehrlinge angefangen und sind durch Leistung in ihre Positionen gekommen. Von ihnen erwarte ich, dass sie mir rechtzeitig sagen, was wir ändern müssen, damit wir morgen auch noch vorne dabei sind. Fehler machen ist kein Problem, nur muss man aus den Fehlern lernen und darf sie nicht wiederholen. Ist eine gute Fachkraft immer eine gute Führungskraft? Eine gute Fachkraft erhält automatisch immer mehr Aufgaben und kann sich somit konstant zur Führungskraft entwickeln. So schwierig ist das nicht. Dafür brauchen wir keine theoretischen Erfolgskonzepte und auch keine Berater. Die kom- Wolfgang Grupp n ist seit 1969 alleiniger Inhaber und Geschäftsführer des Textilunternehmens Trigema. n betont immer wieder, dass alle Textilien im heimatlichen Burladingen entworfen und komplett in Deutschland produziert werden. Große Popularität erlangte Trigema durch Fernsehwerbung mit einem Schimpansen. n ist Träger des Cicero Rednerpreises in der Kategorie Wirtschaft. „Berater kommen bei mir nicht ins Haus!“ Unternehmensführung: Nachhaltigkeit und Qualität sind für Trigema-Chef Wolfgang Grupp Wettbewerbsvorteile, Größenwahn und Gier hingegen deutliche Zeichen des Werteverfalls. 24. Juli 2020 · Nr. 30/31 KARRIERE & MANAGEMENT 29 men bei mir nicht ins Haus! Es ist meine Aufgabe als Inhaber, Probleme zu erkennen und gemeinsam mit meinen Mitarbeitern zu lösen. Einzelne kreative Köpfe oder ein gutes Team – was ist wichtiger für Innovationen? Beides ist wichtig. Es gibt einzelne kreative Köpfe und auch gute Teams. Wichtig ist vor allem, dass eine gute Zusammenarbeit gewährleistet ist. Wir müssen so viel wie möglich miteinander sprechen, damit wir beurteilen können, was richtig läuft oder was geändert werden muss. Kreativität alleine bringt uns nicht weiter. Wirken Ihre Produkte auch auf nachrückende Generationen? Natürlich will man auch Kunden gewinnen, die man bisher noch nicht hatte. Bei uns ist es aber ganz wichtig, vor allem die treuen Kunden, die Trigema schätzen, an erste Stelle zu setzen. Trigema ist bekannt für Qualität und hat deshalb auch seinen Preis. Ich kann nicht von jungen Leuten erwarten, dass sie dieses Qualitätsbewusstsein schätzen, wenn sie ein T-Shirt nur zwei- bis dreimal anziehen wollen. Wenn sie selbst später die Verantwortung für ihre Familie tragen, kommen sie nicht selten auf Trigema zurück, weil sie erkennen, dass Qualität nicht unbedingt teurer, sondern sogar billiger sein kann, weil sie eben länger hält. Burladingen ist nicht Berlin, Hamburg oder München. Wie können Sie gute Technikfachleute und ITler für Ihr Unternehmen im abgelegenen schwäbischen Raum gewinnen? Wir bilden alle unsere Mitarbeiter selbst aus, da wir schon immer wussten, dass die jungen Leute aus einer Großstadt nicht unbedingt nach Burladingen kommen. Doch es bewerben sich auch IT-Fachleute bei uns, da sie einen sicheren Arbeitsplatz und vor allem einen Familienbetrieb suchen, in dem Werte noch hochgehalten werden. Das wird in unserer Welt immer seltener. In Corona-Zeiten gibt es viele Unternehmen, die flexible Arbeitszeiten und Homeoffice anbieten. Wie viele Freiräume haben Ihre Mitarbeiter? Das gibt es bei uns nicht. Ich halte nicht viel von Homeoffice. Unsere Mitarbeiter müssen vor Ort sein, damit sie da sind, wenn sie gebraucht werden. Auch traditionelle Umgangsformen wie die Ansprache per Sie oder ordentliche Kleidung sind für mich wichtig. Das ist eine Form der Wertschätzung, die auch ich Mitarbeitern, ob Lehrling oder Führungskraft, entgegenbringe. Wie wichtig sind Sie als Persönlichkeit für die Arbeitgebermarke Trigema? Natürlich ist meine Präsenz in der Presse gut für unser Geschäft, vorausgesetzt, dass ich etwas sage, was auch andere gut finden und wertschätzen. Dass ich Trigema bekannt mache, ist für mich als Unternehmer eine Verpflichtung. Kann man Unternehmertum und Mitarbeiterführung lernen? Dazu braucht man vor allem Erfahrung und gute Vorbilder. Eines meiner größten Vorbilder war mein Großvater, der die Firma gegründet hat. Von ihm habe ich gelernt: Wie man es den Mitarbeitern vormacht, so werden sie es auch nachmachen. Wolfgang Grupp ist überzeugt: „Eine gute Fachkraft erhält automatisch immer mehr Aufgaben und kann sich somit konstant zur Führungskraft entwickeln. So schwierig ist das nicht.“ Foto: Patrick Junker/laif

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