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Martin Ciupek, „Auf dem Weg zur autonom agierenden Fertigung“ in:

VDI nachrichten, page 3 - 3

VDI nachrichten, Volume 74 (2020), Issue 30-31, ISSN: 0042-1758, ISSN online: 0042-1758, https://doi.org/10.51202/0042-1758-2020-30-31-3

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VDI Verlag, Düsseldorf
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24. Juli 2020 · Nr. 30/31 DIESE WOCHE 3 von Martin Ciupek VDI nachrichten: Büroarbeit lässt sich ja noch gut ins Homeoffice verlagern, aber wie haben Sie Ihre Fabriken auf die neue Situation umgestellt? Helmrich: Bei Siemens war es Priorität Nummer eins, den Schutz und die Sicherheit der Mitarbeiter weltweit bestmöglich zu gewährleisten. Dafür haben wir zunächst unterschiedliche Konzepte erarbeitet – für die Büros, die Fabriken, den Service und den Vertrieb. Das galt es mit allen Verantwortlichen an den Standorten zu organisieren und das haben wir hervorragend gemeistert. Abgesehen von Auftragseinbrüchen in Teilbereichen, haben wir in unseren Prozessen daher au- ßer einem kleinen Ruck am Anfang keine Einschränkungen gespürt. Anders gefragt: Welche Rolle spielt die Digitalisierung der industriellen Abläufe seit Beginn der Corona-Krise bei Siemens und Ihren Kunden? Anwendungsseitig müssen wir hier differenzieren. Denn es gab Industriebereiche, wie Pharma und Medizintechnik, die ihre Produktion schnell hochfahren mussten, während andere Industrien ihre Anlagen heruntergefahren haben. Bei Siemens hatten wir selbst beides: Einzelne Sparten waren unterschiedlich betroffen. Dabei haben wir gemerkt, dass die Fabriken, die einen hohen Digitalisierungs- und Automatisierungsgrad hatten, extrem gut vorbereitet waren und sehr schnell reagieren konnten. Wichtig ist aber in jedem Fall die Verknüpfung. Wenn Sie einen Prozess nur digitalisiert haben, also alles mit Software beschreiben und simulieren können, hilft das allein nicht viel. Denn wenn Sie die Simulation nicht direkt in die reale Welt übertragen können, können Sie diesen Vorteil nicht ausnutzen. Werden Automatisierungslösungen also durch Digitalisierung erst wirklich flexibel? Die Automatisierung hatte schon immer eine gewisse Flexibilität, aber man musste sie hineinprogrammieren. Das heißt, es mussten zumindest andere Parameter eingegeben werden. Mit der Digitalisierung und Simulation der Prozesse ist man jetzt in der Lage, die Automatisierung quasi direkt zu steuern und zu triggern. Darin liegt der wesentliche Erfolgsfaktor. Dazu kommt, dass diese Flexibilität für uns die nächste Stufe hin zu autonomen Systemen ist. Was wir jetzt durch die Vernetzung sehen, ist also erst die erste Stufe auf dem Weg zu autonom agierenden Fertigungsumgebungen. Es werden weitere Themen kommen, von künstlicher Intelligenz über den Funkstandard 5G bis hin zu Cloudund Edge-Technologien, die zunächst das autonome Verhalten von Einzelmaschinen ermöglichen und später einmal auch das Zusammenspiel in der Produktion und Produktentwicklung. Sie hatten anfangs auch den Service erwähnt. Wie lief es dort mit Kontaktbeschränkungen? Wir haben erkannt, dass 40 % der Tätigkeiten unserer Servicetechniker inzwischen vom Homeoffice aus gemacht werden können. Durch Dinge wie Predictive Maintenance sind wir in der Lage zu erkennen, ob und wann eine Komponente wirklich ausgetauscht werden muss. Dazu muss ich nicht einmal selbst an der Maschine stehen. So haben wir auch die soziale Distanz bei der Überwachung der Produktion hergestellt. Das ging online über die Cloud und unsere Plattform MindSphere. Dadurch konnten wir sicherstellen, dass weniger Menschen in den Fabriken sind und Sicherheitsabstände eingehalten werden, ohne den Service einzuschränken. Wenn die Sicherheit gegeben ist, kann technisch betrachtet doch auch die Produktentwicklung mobil erfolgen? Das haben wir uns auch gedacht. Dafür haben wir unsere Produkte ganz schnell nachjustiert. Damit ermöglichen wir Entwicklern inzwischen ebenfalls von zu Hause aus zu arbeiten. Wir haben beispielsweise Mendix, unsere Plattformlösung für die Produktentwicklung, freigeschaltet. Damit können auch unsere Kunden nun zu Hause entwickeln und quasi vom Homeoffice aus Simulationen durchführen. Dabei hat uns auch unsere vollständig digitalisierte durchgängige virtuelle Maschinensteuerung Sinumerik One geholfen, die wir voriges Jahr auf der EMO in Hannover vorgestellt haben. Der Entwickler plant und simuliert von zu Hause aus und muss dann nur einen Tag in die Fabrik, um zu sehen, wie das Produkt in der Realität funktioniert. Diese Möglichkeit bieten wir jetzt unseren Kunden und sie wird auch sehr gut angenommen. Das gilt übrigens auch für unsere Plattform für den 3-D-Druck. Damit waren wir in der Lage, Unternehmen zu helfen, die kurzfristig noch Teile nachproduzieren mussten. Dazu gab es Anwendungsfälle in England, in China und auch in Deutschland. Das digitale Engineering und die Automatisierung in der Produktion ermöglichen es, schnell und flexibel Teile additiv zu produzieren – die Massenproduktion vielleicht mal ausgenommen. Wir konnten damit also eine kurzfristige Verfügbarkeit gewährleisten. Wir haben erlebt, dass es bei Onlinekonferenzen mal ruckelte und Signale ausfielen. Haben die Bandbreiten der Kommunikationsnetze für die Datenmengen in Produktion und Entwicklung bei Ihnen ausgereicht? Wir hatten keine Einbrüche oder Ausfälle bei der Übertragung und eine sehr hohe Qualität. Dabei haben wir in kurzer Zeit weltweit 150 000 Menschen digital an unsere Systeme angeschlossen. Die Einfachheit der Antwort überrascht mich. Hat das wirklich so gut funktioniert? Ich habe die Lösungen selbst zu jeder Tages- und Nachtzeit intensiv genutzt. Kein einziges Mal in den vergangenen Wochen hatte ich irgendeinen Abbruch oder eine verminderte Qualität, obwohl Teilnehmer aus entfernten Ländern wie China und den USA dabei waren. Technisch habe ich keinen Unterschied gemerkt zwischen einem Gespräch mit jemandem in den USA oder einem Kollegen in Erlangen. Haben sich in der Zeit die Bedürfnisse der Anwenderbranchen verändert? Eindeutig ja. Das Konsumverhalten hat sich in vielen Branchen dramatisch verändert. Nehmen Sie nur die Automobilindustrie oder die Reisebranche, die ja wiederum Einfluss auf die Produktion der Flugzeugbauer hat. Da wird jetzt noch genauer auf die notwendigen Investitionen geschaut. Natürlich geht es dabei auch darum, unter den Rahmenbedingungen Produktivität in den Fabriken sicherzustellen. Wir stellen zudem fest, dass der bereits erwähnte Remoteservice auch bei unseren Kunden an Bedeutung gewinnt. Inwiefern profitiert Ihr Unternehmen vom zunehmenden Interesse an Lösungen für die digitale Transformation? Alle Branchen haben eines gemeinsam: Sie stehen vor der Frage, wie sie ihre Ressourcen am besten zeitnah nachjustieren können. Ich erwarte also generell einen Schub. Die Frage wird aber sein, inwiefern die Kunden jetzt in der Lage sind, das auch zu finanzieren. Jeder muss jetzt auf seinen Free Cashflow achten. Ich kann zwar keine genaue Prognose abgeben, aber es hilft uns, dass wir den Nutzen mit unseren eigenen Fabriken belegen können. Klaus Helmrich n ist Mitglied des Vorstands der Siemens AG und CEO des Bereichs Digital Industries. n Der Elektrotechnikingenieur ist seit 1986 bei Siemens beschäftigt. Siemens-Vorstand Helmrich stellt fest, dass Fabriken, die einen hohen Digitalisierungs- und Automatisierungsgrad hatten, schnell auf Corona-bedingte Veränderungen reagieren konnten. Foto: www.siemens.com/presse „Auf dem Weg zur autonom agierenden Fertigung“ Produktion: Industrieunternehmen mussten sich schnell auf neue Rahmenbedingungen umstellen. Wie digitale Prozesse dabei helfen, verdeutlicht Siemens-Vorstand Klaus Helmrich.

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