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Matilda Jordanova-Duda, Die Frau und das Einhorn in:

VDI nachrichten, page 31 - 31

VDI nachrichten, Volume 74 (2020), Issue 30-31, ISSN: 0042-1758, ISSN online: 0042-1758, https://doi.org/10.51202/0042-1758-2020-30-31-31-1

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VDI Verlag, Düsseldorf
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24. Juli 2020 · Nr. 30/31 KARRIERE & MANAGEMENT 31 n ARBEITSRECHT IM BLICK Richter machen bei Zeiterfassung Druck Seit dem Grundsatzurteil des EuGH vom 13. Mai 2019 kreist eine intensive Debatte in Politik und Unternehmen um die Frage, ob Arbeitgeber zur täglichen Arbeitszeiterfassung verpflichtet sind. Die Entscheidung gab den Mitgliedstaaten auf, Arbeitgeber zu verpflichten, durch die Einrichtung eines „objektiven, verlässlichen und zugänglichen Systems“ die Arbeitszeiterfassung sicherzustellen. Einige verstanden das Urteil nur als Aufforderung an die Politik. Andere legten das Urteil dahingehend aus, dass die zugrunde liegenden Vorschriften unmittelbare Wirkung zwischen Privaten entfalten und somit direkter Handlungsbedarf für Arbeitgeber besteht. Das Arbeitsgericht Emden befasste sich im Rahmen einer Vergütungsklage mit den Anforderungen an die Beweiserbringung durch Arbeitgeber. Ein angestellter Bauhelfer brachte vor, mehr Stunden gearbeitet zu haben, als tatsächlich vergütet wurden. Dazu legte er privat geführte Stundenaufzeichnungen vor; die Arbeitgeberin verwies auf ein von ihr geführtes Bautagebuch. Das Arbeitsgericht entschied, dass das Bautagebuch nicht den Vorgaben des EuGHs an die Arbeitszeiterfassung entspreche und daher als Erwiderung unzureichend sei. Der Klage des Arbeitnehmers wurde stattgegeben, die Überstunden mussten ausbezahlt werden. Das Arbeitsgericht legte nun die Arbeitszeitrichtlinie der EU im Lichte der Grundrechtecharta dahingehend aus, dass diese unmittelbar die Pflicht für Arbeitgeber zur Arbeitszeiterfassung enthalte. Sollten sich andere Gerichte dieser Meinung anschließen, können Arbeitgeber ohne ein den europäischen Vorgaben entsprechendes Konzept den Anforderungen vor Gericht nicht nachkommen. Daher ist es ratsam, vorsorglich überprüfbare Arbeitszeiterfassungssysteme zu integrieren, insbesondere da die Implementierung nicht von heute auf morgen geschieht. In aktuellen Zeiten der Corona-Pandemie zeigt sich, dass Arbeitgebern, wie Arbeitnehmern daran gelegen sein kann, Arbeitszeiten nachvollziehen zu können. Unternehmen, die für Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet haben, sind verpflichtet, auf Aufforderung der Arbeitsagentur den Nachweis zu erbringen, dass es zu Arbeitsausfällen gekommen ist. Auch die gesteigerte Versetzung von Mitarbeitern ins Homeoffice bietet Anlass zur Schaffung von akkuraten Zeiterfassungssystemen. Offen blieb, wie die Zeiterfassungssysteme konkret auszugestalten sind. Fest steht, dass eine Aufzeichnung der täglich geleisteten Arbeitszeit, das heißt Beginn und Ende, gewährleistet sein muss. Ob dies auch für Pausenzeiten gilt, ist unklar. Auch nach der Umsetzung der europäischen Vorgaben in deutsches Recht wird die konkrete Ausgestaltung den Arbeitgebern überlassen bleiben. Somit stellt sich diesen die Aufgabe, die Arbeitszeiterfassung im jeweiligen Betriebsablauf sinnvoll und umsetzbar auszugestalten und zu integrieren. Vor dem Hintergrund, dass erste Regelungsvorschläge bereits über die Zielsetzung des EuGHs hinausgehen, kann mit einem ausgearbeiteten Konzept Zeit gespart werden, wenn es zu einer gesetzlichen Umsetzung kommt. Claudia Knuth ist Partnerin und Fachanwältin für Arbeitsrecht bei LUTZ | ABEL. Foto: LUTZ | ABEL Die Frau und das Einhorn Von Matilda Jordanova-Duda A s Hala Zeine, Chief Product Officer (CPO) von Celonis, vor einiger Zeit im Flugzeug saß, kam sie mit der Sitznachbarin ins Gespräch, die sich sehr positiv über Zeines Arbeitgeber äußerte, einen Münchener Spezialist für Process Mining, also für eine Technologie zur systematischen Analyse und Auswertung von Geschäftsprozessen. Für Zeine hörte sich das wie eine Bestätigung ihres zumindest in Deutschland sehr ungewöhnlichen Karriereschritts an: vom Dax-Konzern zum Start-up. Die ehemalige hochrangige SAP- Managerin wechselte im Herbst 2019 zum Spin-off der TU München, einem der raren deutschen Unicorns, der jungen, innovativen Unternehmen mit einer Marktbewertung über 1 Mrd. $. Als CPO verantwortet sie die Produktstrategie, Usability und Preisfindung des Softwareherstellers, der die Betriebsabläufe von Groß und Klein mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) durchleuchtet, visualisiert und optimiert. Die Nutzer erfahren so, warum Lieferungen zu spät, Lagerbestände zu hoch und Flüge unpünktlich sind, Bestellungen zu lange dauern oder Kunden gehen wollen. „Vom Konzern zum Start-up, das macht man hier nicht“, sagt Zeine. „Aber ich bin 40 Jahre alt, ich habe mein halbes Leben bei SAP verbracht. Es war Zeit für etwas anderes.“ Beim schnell wachsenden Celonis fühle sie sich wie auf einer Zeitreise. „So muss SAP in den 80ern gewesen sein“, stellt sie sich vor. „Es wird alles jetzt definiert und man hat einen Rieseneinfluss darauf!“ Zeine ist in Jordanien geboren: Weil der Vater bei Pepsi arbeitete, kam die Familie viel herum. Sie absolvierte die Highschool und ihr Studium in Marketing und Finanzen in den USA und fing auch dort 2001 bei SAP an. Es war die Dotcom-Welle und viele Unternehmen machten ihre ersten Digitalisierungsschritte: Business-Software war in. Als ihre damalige Chefin nach Deutschland zurückkehrte, fragte sie Zeine, ob sie mitkommen wolle. „Ich war jung, ich habe auf die Karte geschaut, der Standort lag mitten in Europa, nah an Brüssel und Paris. Ich habe Ja gesagt.“ Deutsch lernte sie „auf der Straße“ und beim Bücherlesen, die IT „on the job“. Bei SAP hat sie leitende Positionen in Marketing, Entwicklung, Beratung, Unternehmensstrategie und mehr innegehabt. In ihrem letzten Job war sie President of Digital Supply Chain und dafür verantwortlich, Technologien wie Blockchain, Digitaler Zwilling und Maschinelles Lernen in die Lieferketten zu integrieren. In dieser Zeit war sie in deutschen, US-amerikanischen und chinesischen Fabriken und Lagerhäu- Porträt: Hala Zeine ist von einem IT-Großkonzern in ein Münchner Start-up gewechselt. Ein Schritt, den sie nicht bereut hat. sern unterwegs. „Ich meinte irgendwann, man könnte mich mit verbundenen Augen in ein Lager oder in ein Werk schicken, und ich würde erkennen, in welchem Land das war.“ Und zwar nicht wegen der Sprache: „Wie man arbeitet, ist so total anders.“ Letztes Jahr stellte sie auf der Hannover Messe die „Open Industry 4.0 Alliance“ vor, bei der sich SAP und mehrere Industrieunternehmen einigten, ein standardisiertes und offenes Ökosystem für den Betrieb hochautomatisierter Fabriken unter Einbindung von Logistik und Service zu schaffen. Ziel dabei ist, dass 80 % der Maschinen in der Smart Factory die gleiche Sprache sprechen und die Komponenten verschiedener Hersteller orchestriert funktionieren. „Als Mutter mache ich mir Sorgen darüber, wie sich die globale Erwärmung und der Klimawandel auf meine Kinder – ganz zu schweigen von den Kindern ihrer Kinder – auswirken werden“, hat sie vor wenigen Jahren in einem Artikel geschrieben. „Aber meine Rolle als Spezialistin für Wertschöpfungsketten gibt mir die Möglichkeit, etwas dagegen zu tun.“ Etwa den Kunden zu helfen, das fragile Gleichgewicht zwischen Lagerbestand und Nachfrage anhand historischer Daten, Point-of- Sales-Informationen und der Analyse von Einkaufsmustern immer wieder neu auszutarieren. „Daten, im richtigen Kontext gesetzt, können viel Abfall eliminieren und unnötigen Stress vermeiden.“ Blockchainund IoT-Technologien ermöglichten zudem, die Herkunft von Materialien zurückzuverfolgen, mit 3-D-Druck ließen sich Kleinserien mit punktgenauem Materialverbrauch herstellen. Die Wertschöpfungskette ende auch nicht mit dem Gebrauch der Ware: Recycling und Upcycling gehörten ebenfalls dazu. Die Managerin freut sich, dass Fridays for Future das Thema auf die Tagesordnung gebracht haben. Gleichzeitig bedauert sie, dass dabei so viel Angst gemacht werde. Durch mehr Optimierung und bessere Informationen könnten die gleichen Sachen mit weniger Ressourceneinsatz gebaut und geliefert werden. Von Celonis hörte sie zum ersten Mal an einem runden Tisch: Einem Mittelständler habe die Firma geholfen, seine ganze Lieferkette einschließlich der Herkunft von Rohstoffen in einem Fluss zu sehen. Für den Unternehmer war das ein Aha- Erlebnis. „Alle denken, sie hätten einen Standardprozess, aber das ist nicht so. Die verschiedenen Industrien haben eigene Systeme etwa für den Vertrieb, die Produktion, das Lager und die Buchhaltung entwickelt und weitere dazugekauft. Celonis bringt die Daten aus allen Systemen zusammen und zeigt, wie ein Auftrag als Prozess gelaufen ist. Dann merken unsere Kunden, wo es Reibungen gibt, wo man Abläufe optimieren, Aufträge priorisieren und Schritte automatisieren kann. Man kann die besseren Entscheidungen treffen, mit weniger Panik und weniger Stress“, schwärmt sie. Und irgendwann könne die KI den Menschen viel „Busywork“ abnehmen, damit sie in Krisenfällen über Alternativen nachdenken und in normalen Zeiten mehr Spaß am eigenen Tun haben. Bei SAP hatte sie weit über 2000 Mitarbeiter, bei Celonis weniger als 100. Aber es kommen – trotz Corona – ständig neue dazu. Sie sitzen dann auch mit den Laptops zu Hause. Für flexibles Arbeiten sei die IT-Branche gut geeignet: Gerade Mütter dürften das eigentlich super finden. Sie selbst habe nie Probleme gehabt, viele tolle Männer hätten ihre Karriere unterstützt, sagt Zeine. Immerhin ist SAP der Dax-Konzern mit dem kleinsten Gehaltsunterschied und dem höchsten Frauenanteil in der Führungsebene. Dennoch sei die Entscheidungskultur auch dort sehr männlich geprägt. Die IT-Expertin engagiert sich im beruflichen Netzwerk Generation CEO. Weibliche Aufsichtsrats- und Vorstandsmitglieder verschiedener Branchen tauschen sich aus und unterstützen sich gegenseitig mit Tipps und Know-how. „Wenn man auf dem gleichen Level ist, funktioniert das sehr gut“, sagt Zeine. „Ich war immer froh, wenn eine weitere Frau in ein Entscheidungsgremium hereinkam. Es ist wichtig, mehr als 15 % der Sitze mit Frauen zu besetzen. Dann erst werden ihre Stimmen wahrgenommen.“ Hala Zeine ist Chief Product Officer (CPO) beim Münchner Unternehmen Celonis. Sie ist Mitglied im Netzwerk Generation CEO. Foto: Celonis

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Schlagworte

Management, Karriere, Arbeitsmarkt

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