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Wolfgang Schmitz, Partnerschaft vor der Wiederbelebung in:

VDI nachrichten, page 16 - 16

VDI nachrichten, Volume 75 (2021), Issue 04, ISSN: 0042-1758, ISSN online: 0042-1758, https://doi.org/10.51202/0042-1758-2021-04-16

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VDI Verlag, Düsseldorf
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16 TECHNIK & WIRTSCHAFT 29. Januar 2021 · Nr. 4 Partnerschaft vor der Wiederbelebung Von Wolfgang Schmitz V ier Jahre lang standen viele Wissenschaftsbereiche in den USA still. Präsident Donald Trump schwächte wichtige Forschungen und Institute, machte Klimaforscher lächerlich und stellte Virologen als Lügner dar. Den Handlungsleitfaden der Seuchenschutzbehörde CDC, wie während einer Pandemie vorzugehen sei, ignorierte Trump. Er erschwerte ausländischen Wissenschaftlern, vor allem Muslimen, die Arbeitsaufnahme in den USA. Wird mit Biden alles anders? Der Demokrat wird definitiv einen anderen Weg einschlagen. Das zeigt allein schon seine Entscheidung, Eric Lander als wissenschaftlichen Berater zu ernennen. Das politische Gewicht des Biologen als Kabinettsmitglied und Leiter des Büros für Wissenschafts- und Technologie-Politik im Weißen Haus verdeutlicht, welchen Wert Biden der Wissenschaft beimisst. Lander ist Genetiker und hatte an der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts mitgewirkt. Der Forscher und sein Team von „weltberühmten Wissenschaftlern“ (fast ausnahmslos Frauen) sollen dafür sorgen, dass, so Biden, „alles, was wir tun, auf Wissenschaft, Fakten und der Wahrheit basiert“. Zwangsläufig genießen Pandemiebekämpfung und Aufwertung des Gesundheitssystems höchste Priorität. Mit geplanten 2 Billionen $ will Biden massiv in Forschung und Entwicklung im grünen Energiesektor und in eine CO2-arme Infrastruktur investieren, etwa in die Förderung energieeffizienter Gebäude und des öffentlichen Verkehrs. Die Rückkehr zum Pariser Klimaabkommen hat er bereits eingeleitet. Ähnlich wie Trump wird Biden in der Weltraumforschung Akzente setzen. An einer Rückkehr zum Mond, die mit dem Nasa-Projekt Artemis verbunden ist, könnten wieder vermehrt Fachleute aus aller Welt mitarbeiten. Biden wird die Reiseverbote für Wissenschaftler aufheben und promovierten Ingenieuren den dauerhaften Aufenthalt in den Vereinigten Staaten erleichtern. Im wissenschaftlichen Wettlauf mit China wird Biden auf Data Science und auf künstliche Intelli- Wissenschaft: Was kommt in der Forschung nach Donald Trump? Joe Biden wird auf Partnersuche gehen. Europa sollte selbstbewusst darauf reagieren und eigene Interessen betonen, so Wissenschaftler aus den USA und Deutschland. genz setzen. Auch F&E in der Fertigungstechnologie soll gefördert werden. Die Krebsforschung liegt dem Chef im Weißen Haus sehr am Herzen, starb sein Sohn doch an den Folgen eines Hirntumors. Wasserschutz und Elektromobilität sollen auf der Forschungsagenda auch oben stehen. Joybrato Mukherjee sieht durch die „evidenzbasierte“ Politik Bidens „exzellente Voraussetzungen“ zur Neubelebung wissenschaftlicher Kooperationen. Der Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), der deutsche und US-amerikanische Wissenschaftler zur digitalen Diskussion geladen hatte, mahnt, es sei „besser, dass Europa und die USA kooperieren, als dass andere die Spielregeln vorgeben“. Eine Kerbe, in die auch Christian Martin schlägt: „Statt sich vagen Chinakooperationen zuzuwenden, wäre es besser, der Biden-Administration zu vertrauen.“ Der spürbaren Tendenz, die USA als Wissenschaftspartner abzuschreiben, sollten klare Bekenntnisse zu gemeinsamen Werten entgegengesetzt werden, empfiehlt der Inhaber des Max-Weber-Lehrstuhls für Deutschland und Europastudien an der New York University. Gemeinsame Schnittmengen könnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auf beiden Seiten divergierende Vorstellungen gibt, meint Jeff Rathke, Präsident des American Institute for Contemporary German Studies an der Johns Hopkins University in Washington DC. Joe Biden werde Erfolge erzielen müssen, die nicht zwangsläufig mit den Interessen Deutschlands und der EU korrelieren. Es stelle sich jenseits des Atlantiks auch die Frage: „Wie positioniert sich Europa gegenüber China?“ In den USA habe man Zweifel, dass Deutschland als Europas Motor hier auf dem „richtigen“ Weg sei. Rathke: „Für Biden ist Deutschland dennoch hinter China das zweitwichtigste Land.“ Insbesondere in der Wissenschaft sollten Deutschland und Europa den Anspruch haben, mitzugestalten. Sich klein zu machen, hält auch Benedikt Brisch, Leiter der DAAD-Außenstelle in New York, für den falschen Ansatz. Deutschland und Europa sollten konsequent zu ihren Vorstellungen stehen und ethische Werte betonen. „Die Wissenschaft sollte nicht auf Kosten gesellschaftlicher Notwendigkeiten dem ökonomischen Diktat unterworfen werden.“ Brisch verzeichnet auf deutscher Seite nach der Trump-Ära wieder „einen großen Hunger auf transatlantische Stipendien“. Das Austauschpotenzial sei unerschöpflich, die Neigung der Amerikaner, im Ausland zu studieren und zu forschen, jedoch gering. Thomas Boving mahnt zur Geduld, um „aus der Dunkelkammer der Verschwörungstheorien“ herauszukommen. Der Professor für Geowissenschaften und Umweltingenieurwesen an der University of Rhode Island befürchtet, Biden könne sich bei dem Bemühen verzetteln, zu viel gleichzeitig machen zu wollen. Gemeinsame Probleme seien nur gemeinsam zu lösen, so Boving. Beispiel Wasser. Sowohl die USA als auch Deutschland verfügten über außergewöhnliche Kompetenzen, um Gutes für die nach Wasser dürstende Weltbevölkerung zu tun, weiß Boving. Die USA könnten darüber hinaus viel von Europa lernen. Beispielhaft, weil exzellent, sei etwa das, was Dänemark im Küstenbereich mit seinen Windrädern geleistet habe. „Der Biden-Regierung bietet sich jetzt die große Chance, das Marktwirtschaftliche mit dem Umweltpolitischen zu verknüpfen.“ Eric Lander, Mathematiker und Biologe, wird wissenschaftlicher Chefberater des US-Präsidenten. Dass er Kabinettsmitglied wird, gilt als Signal. Foto: ddp images/Rick Friedman/Polaris

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