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Fabian Kurmann, Schotter digital machen in:

VDI nachrichten, page 19 - 19

VDI nachrichten, Volume 75 (2021), Issue 04, ISSN: 0042-1758, ISSN online: 0042-1758, https://doi.org/10.51202/0042-1758-2021-04-19

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VDI Verlag, Düsseldorf
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29. Januar 2021 · Nr. 4 AUS DEN UNTERNEHMEN/START-UP 19 Gütersloh Foto [M]: panthermedia.net/Andreas Weber/VDIn Schotter digital machen Von Fabian Kurmann V ergangenes Jahr übertrafen die Umsätze die Planung trotz Corona um 30 %. Dieses Jahr sollen sie sich von 13 Mio. € auf 50 Mio. € mehr als vervierfachen, sagt CEO Christian Hülsewig. Das Start-up Schüttflix aus Gütersloh in NRW ist seit 2019 am Markt und liefert im Prinzip Sand und Kies in der gewünschten Menge pünktlich auf die Baustelle. Was so spektakulär klingt wie ein Reihenhaus, ist in der fragmentierten Baustoffbranche tatsächlich eine ähnliche Disruption, wie sie Autohändler mit Gebrauchtwagenplattformen vor einigen Jahren erlebten: Dank Smartphones und digitalen Prozessen wird alles transparenter, effizienter und damit oft auch günstiger. Hülsewig ist Logistikprofi. Sieben Jahre war er beim Bertelsmann-Konzern, danach drei Jahre bei Microsoft, wo er sich darum gekümmert hat, dass zum Beispiel die Spielkonsole der Amerikaner sowohl in Deutschland als auch in Italien oder Boston genau zum weltweiten Verkaufsstart im jedem Elektromarkt regal liegt. „Pünktlich heißt da, nicht zu spät, aber genauso wenig zu früh“, sagt Hülsewig und erzählt unter anderem von sieben Jumbojets, die nur zwei Tage vor dem Verkaufsstart in China noch auf die Lieferung aus der Fabrik warten, um sie über Nacht in die Welt zu verteilen. Jetzt managt er an der Spitze seines Startups Sand und Kies, also Schüttgut, daher die Firmenbezeichnung. Wenn ein Unternehmen für seine Baustelle zehn Lkw-Ladungen Schotter bestellt, errechnet Schüttflix die fünf besten Kombinationen aus Baumaterial, Einkaufspreis und Transportkosten und stellt diese dem Einkäufer zur Wahl. Nach der Bestellung geht der Auftrag an alle Transportunternehmen hinaus, die über ihre Smartphones mit der Plattform verbunden sind. „Mittlerweile vereinen wir über 1200 Spediteure mit durchschnittlich acht bis zehn Lkw“, sagt Hülsewig. Diese entscheiden dann selbst, ob sie den Auftrag zu den Schüttflix-Konditionen annehmen möchten. Jeder Auftrag kann dabei auch von mehreren Unternehmen gemeinsam übernommen werden, was bei großen Mengen oft gar nicht anders möglich ist. So können Disponenten auch nur einzelne Lkw ihrer Flotte zur Verfügung stellen. Eigentlich wollte Christian Hülsewig nach seinem Studium Investmentbanker werden, genau wie sein Vater. Als er die Uni in Boston 2008 aber abgehakt hatte, meldeten gerade Lehman Brothers Insolvenz an und läuteten damit eine weltweite Wirtschaftskrise ein. Also machte Hülsewig auch einen Haken unter sein ursprüngliches Karriereziel und kehrte nach Deutschland zurück. Die Idee zu einer Logistikplattform für Schüttgut kam Hülsewig auf der 3 ha großen Hofstelle seines Großvaters im ostwestfälischen Herford. Als der Enkel Schotter für die Einfahrt und Parkplätze benötigte, machte er eine Erfahrung, wie sie auf deutschen Baustellen an der Tagesordnung ist: „Heute können Sie froh sein, wenn der Schotter überhaupt am selben Tag kommt, wie abgesprochen“, erinnert sich der Manager. „Und je öfter Sie anrufen und nerven, umso höher sind die Chancen, dass Sie ihn gar nicht bekommen.“ Die Präzision der Logistikprozesse im Einzelhandel ist da meilenweit voraus. „Umso größer das Potenzial“, dachte sich Hülsewig. Er suchte sich mit Thomas Hagedorn, dem Chef einer Unternehmensgruppe im Bausektor, einen Partner und Investor vom Fach und gründete Schüttflix in Gütersloh. Statt digitalen „Schotter“ zu bewegen wie sein Vater, bewegt Hülsewig nun echten Schotter digital unterstützt. Alle Transaktionen laufen über die Plattform, sodass die Fahrer theoretisch durchgehend in der Kabine bleiben könnten – praktisch bei Corona. Durch die Ortung des Smartphones wissen Kunden jederzeit, wo sich die Lieferungen gerade befinden. Den Ort, wo das Schüttgut genau abgeladen wird, können die Kunden auch über das Smartphone festlegen. Sie markieren auf einem Foto, das mit GPS-Koordinaten verknüpft wird, einen Punkt. So landet der Schotter z. B. zielgenau hinter und nicht vor dem Haus. Der Lkw-Fahrer fotografiert ebenfalls, sobald das Gut abgeladen ist, und beendet damit seinen Auftrag. Den Rest, wie die Bezahlung und die digitale Rechnung mit Beweisfoto, erledigt die Plattform. Was bei kleinen Bauprojekten praktisch ist, spart für große Baukonzerne noch viel mehr Arbeit. Sie können viele Spediteure zentral ansprechen, statt bei jedem anzurufen. Bei größeren Projekten müssen schnell mal mehrere Hundert Lkw Material liefern, was aktuell noch Hunderte von Papierlieferscheinen bedeutet. Künftig kann das digital laufen. In Zukunft könnte sogar Recyclingmaterial direkt vom Abbruch von Firma A an die Baustelle daneben von Firma B geliefert werden. Aktuell wird Material bei A deponiert und bei B neu beschafft, weil der Überblick fehlt. Sobald sich ein Prozess etabliert hat, sollen auf der Plattform laut Hülsewig auch Beton und Asphalt folgen. Damit die Expansion gelingt, will das Start-up von heute 40 Mitarbeitern auf 120 bis im Sommer wachsen. Mittlerweile haben auch bekannte Namen investiert – darunter die Schauspielerin Sophia Thomalla und der Strabag-Konzern. Baustoffe: Die Logistik beim Schüttgut lässt sehr viel Potenzial aktueller Technik ungenutzt. Ein Start-up aus Gütersloh macht die Baustofflieferung nun fit fürs 21. Jahrhundert. Von Boston nach Gütersloh: CEO Christian Hülsewig (Mi.) mit Mitgründer Thomas Hagedorn und Gesellschafterin Sophia Thomalla. Foto: Schüttflix Amazon lässt grüßen: Schüttgut wie Sand und Kies können bei Schüttflix per App bestellt und nachverfolgt werden. Auch bezahlt wird digital. Foto: Schüttflix Schüttflix n Firmensitz: Gütersloh n Am Markt seit: 2019 n Gesellschafter: Christian Hülsewig, Thomas Hagedorn, Sophia Thomalla, Speedinvest, Holtzbrinck Ventures, Strabag n Jahresumsatz 2020: 13 Mio. € n Mitarbeiter zurzeit: 40

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