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Stefan Wolff, Deutscher Aktienindex auf Rekordjagd in:

VDI nachrichten, page 25 - 25

VDI nachrichten, Volume 75 (2021), Issue 04, ISSN: 0042-1758, ISSN online: 0042-1758, https://doi.org/10.51202/0042-1758-2021-04-25

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VDI Verlag, Düsseldorf
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29. Januar 2021 · Nr. 4 FINANZEN 25 n PARKETTNOTIZEN Deutscher Aktienindex auf Rekordjagd Pünktlich zum Jahresauftakt hat auch der Deutsche Aktienindex (Dax) ein neues Allzeithoch erklommen, nachdem die US-Börsen längst schon in diesen luftigen Höhen schweben. Auch der M-Dax der wichtigsten Nebenwerte steht auf einem Rekordhoch. Die Gründe für die Rekordjagd sind vielfältig. Zum einen wetten Anleger auf eine schnelle Erholung der Wirtschaft. Vor allem Technologiewerte profitieren von ihrer Stellung als Gewinner der Krise. Der Trend zum Homeoffice spielt ihren Geschäftsmodellen in die Karten. Außerdem sorgen die Notenbanken für anhaltend gute Stimmung. Der Nullzins schafft ein ideales Klima für steigende Aktienkurse. Nach der ersten Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) in diesem Jahr hat EZB-Chefin Christine Lagarde keinen Zweifel daran gelassen, diesen Kurs beibehalten zu wollen. Einziger Wermutstropfen: Die Währungshüter haben die Wirtschaftsprognose für das laufende Jahr zurückgedreht. Auch an den Börsen ist ein wenig Ernüchterung eingekehrt, doch das ist dringend notwendig. Die Euphorie, von der sich die Marktteilnehmer tragen lassen, ist fast schon pathologisch. Sie ist gleichzeitig auch ein Warnsignal, da Euphorie blind für Risiken macht. Die Situation ist angespannt. Nach wie vor bestimmt der Verlauf der Corona-Pandemie den Takt. Der schleppende Impfstart in Deutschland hat viele Beobachter enttäuscht. Das Tempo bei den Impfungen wird mehr und mehr als Wettbewerbsfaktor wahrgenommen. Eine durchgeimpfte Gesellschaft kann geöffnet werden. Die größte Angst ist derzeit, dass die deutsche Industrie Schaden nehmen könnte. Ein weiteres Problem liegt in Versorgungsengpässen. Beispielsweise gehen der Autoindustrie die Chips aus, weil die Halbleiterbranche nicht ausreichend liefern kann. Fakt ist: Die Autohersteller haben ihre Produktion schneller als gedacht wieder hochgefahren, um die rasant wachsende Nachfrage vor allem in China zu befriedigen. Die Bilanzen der Unternehmen werden in den kommenden Wochen zeigen, wie gut diese durch das vergangene Jahr gekommen sind. Erst nach dem Ende der Aussetzung der Insolvenzpflicht werden die Überlebenden zutage treten. Aktuell verschiebt die Politik den Elefanten von der Küche ins Wohnzimmer. Er ist aber immer noch da. Trotz aller Verunsicherungen stehen die Zeichen an der Börse weiter auf „Rallye“. Bei den Tech-Werten sehen viele Anlageexperten zwar relativ hohe Preise. Die Gefahr einer Spekulationsblase schätzen sie aber gleichzeitig als gering ein. Ähnlich sieht es beim Dax aus, wo vereinzelt schon die 15 000-Punkte-Marke als Ziel ausgegeben wird. Alles in allem gleicht die Situation einem Tanz auf der Rasierklinge. Die Gefahren lauern, doch die Alternativen zu Aktien beschränken sich auf Gold und Bitcoin. Vor allem die Krypto-Währung fällt dabei durch rasante Kursschwankungen auf, die ein Engagement hochspekulativ machen. Stefan Wolff arbeitet als Finanzjournalist u. a. für das ARD-Börsenstudio. Foto: privat Von Stefan Terliesner E inige Börsianer erinnern sich vielleicht noch an Ballard Power. Die Aktie des kanadischen Herstellers von mit Wasserstoff betriebenen Brennstoffzellen gehörte zur Jahrtausendwende zu den Stars an der Börse. Innerhalb weniger Tage vervielfachte sich der Kurs. Am 3. März 2000 kostete das Papier 139 €. Der anschließende Absturz führte die Aktie in Regionen von unter 1 € im Jahr 2013. Heute notiert Ballard Power bei rund 30 €. Wer zum rechten Zeitpunkt eingestiegen ist, kann sich somit über Wertzuwächse von mehreren Tausend Prozent freuen. Hintergrund – damals wie heute – ist ein Hype um Wasserstoffaktien. Auch Nel Asa und Fuelcell Energy haben in den vergangenen Wochen gewaltig zugelegt. Zu den Börsenstars im jungen Jahr 2021 gehört auch Plug Power. Eine umfassende Kooperation mit Renault, die von der Entwicklung der Zellen über die Fertigung bis zum Aufbau eines Vertriebsnetzes mit Wasserstofftankstellen reicht, katapultierte den Aktienkurs des Unternehmens zwischenzeitlich auf rund 55 €. Zwölf Monate zuvor pendelte er noch um 4 €. Stellt sich die Frage: Was ist dran am neuerlichen Hype um die Zukunftstechnik? Tatsächlich könnte das farbund geruchlose Gas ein Megatrend werden. Denn Wasserstoff ist nicht nur ein vielseitig einsetzbarer Energieträger, der mithilfe von Brennstoffzellen Autos, Schiffe und Züge antreibt. Das chemische Element H lässt sich auch gut speichern. So kann regenerativ erzeugter Strom, der für andere Zwecke gerade nicht benötigt wird, zur Herstellung von Wasserstoff genutzt werden. Anschließend wird das Gas in Tanks gespeichert, bis die Energie für industrielle Anwendungen benötigt wird. Zum Beispiel könnte in der Stahlherstellung kohlendioxidneutraler Wasserstoff Kohle ersetzen. Unternehmen wie Voest alpine und Thyssenkrupp arbeiten daran. Für die Vollendung der Energiewende in Deutschland ist Wasserstoff von großer Bedeutung. Daher will Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier den Energieträger bis 2026 mit einem Betrag von 2 Mrd. € fördern. „Wasserstoff bietet eine große industriepolitische Chance“, heißt es in der „Nationalen Wasserstoffstrategie“ des Ministeriums. Deutsche Unternehmen seien weltweit führend bei der Technologie. Dieses Potenzial gelte es zu heben. Deutschland müsse sich jetzt eine „globale Vorreiterrolle sichern“. Auch andere Länder wie Japan, China, Südkorea, Norwegen, Schweden oder Österreich setzen in Zukunft verstärkt auf Wasserstoff. Profiteure des globalen Vorstoßes sind neben den oben genannten Spezialisten unter anderem Unternehmen wie die Gashersteller Linde und Air Liquide oder der chinesische Motorenbauer Weichai Power, der stark in den Brennstoffzellenantrieb investiert. Jüngst ließ zudem Akasol aus Darmstadt an der Börse aufhorchen. Das Unternehmen liefert Systeme für mit Wasserstoff angetriebene Züge von Alstom. Bei all diesen Firmen spielt der Bereich Wasserstoff noch eine kleine, wenn auch hoffnungsvolle Rolle. Das gilt auch für Toyota. Der japanische Autobauer ist ein Hauptsponsor der Megatrend Wasserstoff: Börsen-Hype setzt sich fort Serie: Was liegt näher für Ingenieure, als zu investieren, wo sie sich auskennen – in Technik. Diesmal nehmen wir den Wasserstofftrend unter die Lupe. Olympischen Spiele in Tokio, die nach der pandemiebedingten Verschiebung nun am 23. Juli beginnen sollen. Toyota wird die große Bühne nutzen, um seine Expertise in Sachen Wasserstoff zur Schau zu stellen. So werden die Sportler mit wasserstoffangetriebenen Bussen zwischen den Sportstätten und dem olympischen Dorf pendeln. Solche Marketingmaßnahmen sollen zeigen, wie ernst es der Konzern mit dem Energieträger Wasserstoff meint, der freilich nur wirklich „grün“ ist, wenn das Gas mittels Elektrolyse durch Ökostrom aus Wasser gewonnen wird. Seit Jahren fertigt Toyota in Handarbeit das Wasserstoffauto Mirai in einer Stückzahl von nur 3000. Jetzt soll die Produktion industrialisiert und auf mindestens 30 000 Fahrzeuge hochgefahren werden. Gleichzeitig wird die japanische Regierung das notwendige Tankstellennetz weiter ausbauen. Auch deutsche Autobauer wie VW und Daimler – die Stuttgarter waren übrigens jahrelang Entwicklungspartner von Ballard Power – sind an dem Thema Wasserstoffantrieb dran, wenn auch primär bei Lastkraftwagen und Bussen. Ein Vorteil von Brennstoffzellenvehikeln ist ihre im Vergleich zu Elektroautos größere Reichweite. Und das Tanken des Wasserstoffs dauert nicht länger als bei Benzin- oder Dieselautos. Im Stadtverkehr kommen diese Vorzüge aber nicht zum Tragen: Die Distanzen sind kurz und die elektrische Batterie lässt sich über Nacht oder während der Arbeitszeit problemlos aufladen. Dies ist der Grund, weshalb zumindest mittelfristig bei der Individualmobilität im urbanen Raum der Trend in Richtung Elektroautos weist. In etlichen Industrien dürften fossile Energieträger dennoch durch kohlendioxidfreien oder kohlendioxidneutralen Wasserstoff abgelöst werden – sonst ist die von den Vereinten Nationen angestrebte Dekarbonisierung der Weltwirtschaft nicht zu schaffen. Der größte Nachteil der Technologie sind die bislang noch viel zu hohen Kosten. Doch diese sinken mit Ausweitung der Produktion und der Nutzung von Skaleneffekten. Und genau das könnte in den nächsten Jahren geschehen. Laut dem Verband der Deutschen Maschinen- und Anlagenbauer steht die Wasserstoffbranche „am Übergang von der Einzelfertigung zur industriellen automatisierten Fertigung von Brennstoffzellen“. Dies dürfte auch der Grund sein, weshalb Ballard Power nach 20 Jahren von Anlegern wiederentdeckt wird. Der globale Wasserstoffmarkt, der in den kommenden Jahren entstehen könnte, könnte 2500 Mrd. $ groß sein, erwarten Analysten vom Strategieberater McKinsey. Behalten die Experten recht, würden in weniger als 25 Jahren mehr als 30 Mio. Arbeitsplätze in diesem gewaltigen Markt entstehen. Anleger sollten aber nur Geld in reinrassige Wasserstoffaktien investieren, das sie nicht benötigen. Großen Gewinnmöglichkeiten stehen immer hohe Risiken gegenüber. Das gilt auch für diese Wette auf die Zukunft. Denn bislang schreibt unser Beispiel Ballard Power beständig Verluste und weist gerade einmal Umsätze von rund 140 Mio. € aus, denen ein Börsenwert von mehr als 8,2 Mrd. € gegenübersteht.

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