Content

Hans W. Mayer, Wehe, wenn der Hammer auf Rost trifft in:

VDI nachrichten, page 26 - 26

VDI nachrichten, Volume 75 (2021), Issue 04, ISSN: 0042-1758, ISSN online: 0042-1758, https://doi.org/10.51202/0042-1758-2021-04-26

Browse Volumes and Issues: VDI nachrichten

VDI Verlag, Düsseldorf
Bibliographic information
26 TECHNIK & KULTUR 29. Januar 2021 · Nr. 4 Wehe, wenn der Hammer auf Rost trifft Von Hans W. Mayer D ie Einführung der Prüfplakette auf dem hinteren Kennzeichenschild zum 1. Januar 1961 markierte auch optisch den Beginn eines neuen Zeitalters im Prüfwesen für Kraftfahrzeuge. Zu diesem Zeitpunkt war die Keimzelle der regelmäßigen Fahrzeugüberwachung schon mehr als ein halbes Jahrhundert alt. Sie hatte am 15. Oktober 1910 mit der Gründung einer neuen Abteilung zur „Prüfung von Fahrzeugen und ihren Führern“ durch den Stuttgarter Dampfkessel- Revisionsverein begonnen, aus der 1938 der erste Technische Über wachungsverein (TÜV) hervorging. Im selben Jahr wurde in der Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) der § 29 verankert, der die Vorführung des Fahrzeugs zur regelmäßigen Hauptuntersuchung (Branchenkürzel: HU) vorschreibt. Seit 1951 sind diese Überprüfungen Pflichtprogramm für alle Fahrzeughalter. Besitzer von Personenwagen müssen erstmals drei Jahre nach der Neuzulassung, danach alle zwei Jahre zur Hauptuntersuchung. Für Nutzfahrzeuge, Taxis und Mietwagen gelten abweichende Inter valle. In den Anfangsjahren bekamen die Fahrzeughalter noch von der Zulassungsstelle die schriftliche Aufforderung, sich mit Gefährt bei der örtlichen TÜV-Prüfstelle einzufinden. Vermutlich resultierte aus diesen amtlichen Schreiben der weit verbreitete Irrtum, der TÜV sei eine Behörde und seine Mitarbeiter seien Beamte. Beides war und ist Jubiläum: Seit 60 Jahren muss jedes Fahrzeug die sogenannte TÜV-Plakette tragen. Dabei mischen auf diesem Markt seit Langem auch andere Anbieter als der TÜV mit. falsch: Alle Technischen Überwachungsvereine sind privatwirtschaftliche Organisationen, an die der Staat diese Kontrollfunktion – und auch andere Aufgaben – lediglich delegiert hat. Dennoch nistet bis heute in manchen Autofahrerköpfen eine diffuse Furcht vor der vermeintlichen Obrigkeit. Weil der Pkw-Bestand in der Bundesrepublik bereits in den ersten zehn Jahren nach Einführung der regelmäßigen Prüfpflicht von 715 904 auf 4,2 Mio. Fahrzeuge hochgeschnellt war (heute sind es mehr als zehnmal so viele) und folglich immer mehr Autofahrer trotz amtlicher Einladung ihren Vorführtermin „vergaßen“, kam vom 1. Januar 1961 an erstmals eine Prüfplakette auf das hintere Kennzeichenschild. Sie zeigt bekanntlich Monat und Jahr der nächsten Hauptuntersuchung an und erleichtert durch jährlich wechselnde Farbe den Ordnungshütern die Überwachung. Während heute bei der Hauptuntersuchung Defekte an lichttechnischen Einrichtungen und der Bremsanlage die Mängelstatistik dominieren, war vor 60 Jahren Rost an tragenden Teilen und am Unterboden der Hauptgrund für verweigerte Prüfplaketten. Altgediente Autobesitzer erinnern sich vielleicht noch an das gefürchtete Hämmerchen, mit dem der Prüfer gegen den Unterboden pochte. Blieb das Hämmerchen im zerbröselnden Blech stecken, gab es die begehrte Plakette logischerweise nicht, ebenso wenig wie bei schief ziehenden Bremsen, die der Prüfer mangels Bremsenprüfstand auf einer kurzen Probefahrt um den Häuder Öffentlichkeit weniger bekannte Wettbewerber Dekra sich in den neuen Bundesländern als Marktführer etablierte. Aber nicht nur dort wehte plötzlich der raue Wind der Konkurrenz: Am 26. Juni 1990 erhielt die Gesellschaft für Technische Überwachung (GTÜ) als erste Prüforganisation freiberuflicher Kraftfahrzeug-Sachverständiger ihre offizielle Zulassung, zunächst in Baden-Württemberg, bis 1993 dann in allen Bundesländern. Erstritten hatte die Liberalisierung der Plakettenvergabe der Stuttgarter Rechtsanwalt und langjährige GTÜ-Geschäftsführer Henner Hörl nach einer jahrelangen Tour de Force durch den deutschen Behördendschungel. Als das neue Jahrtausend heraufzog, knabberten bereits sechs weitere Prüforganisationen an den Marktanteilen der Platzhirsche TÜV und Dekra. Weil zunehmende Konkurrenz die Erträge schrumpfen lässt, versuchen die Prüforganisationen, sich neue Geschäftsfelder zu erschlie- ßen. So kam beispielsweise 1985 die Abgasuntersuchung (früher ASU, heute AU) hinzu. Bei Fahrzeugen mit Erstzulassung nach dem 1. April 2006 werden zusätzlich elektronische Sicherheitssysteme wie ABS, ESP, Airbags oder Bremsassistent überprüft. Hybrid- und Elektroautos eröffnen der Fahrzeugüberwachung neue Geschäftsfelder. Sie reichen von der Homologation und Prüfung der elektrischen Sicherheit bis zur Entwicklung einheitlicher Lade stationen und Schulung des Werkstattpersonals in der Hochvolt technologie. Früher war nicht alles besser. Vor allen Dingen nicht die Technik der Pkw. Das führte nicht nur zu häufigen Pannen, sondern auch zu Beanstandungen durch den TÜV. Foto: ullstein bild/Getty Images serblock enttarnte. Das damalige Prüfmonopol des TÜV führte dazu, dass die Autofahrer nicht als Kunden eines Dienstleisters wahrgenommen wurden, sondern eher als Bittsteller. Stundenlange Wartezeiten waren ebenso üblich wie der barsche Gutsherrenton mancher Prüfer. Legendär wurde der Spruch eines besonders militanten Exemplars dieser Spezies: Als er mit seinem Hämmerchen im morschen Unterboden eines Gefährts stecken blieb, rief er aus der Grube dessen Besitzer zu: „Wenn Ihr Auto ein Pferd wäre, würde ich es erschie- ßen!“ Dieses goldene Zeitalter ging ziemlich zeitgleich mit der Wende zu Ende. Zum einen, weil der bis dahin in

Chapter Preview