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Wolfgang Schmitz, „Bildung, damit das Leben gelingt“ in:

VDI nachrichten, page 3 - 3

VDI nachrichten, Volume 75 (2021), Issue 04, ISSN: 0042-1758, ISSN online: 0042-1758, https://doi.org/10.51202/0042-1758-2021-04-3

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VDI Verlag, Düsseldorf
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29. Januar 2021 · Nr. 4 DIESE WOCHE 3 „Bildung, damit das Leben gelingt“ Von Wolfgang Schmitz VDI nachrichten: Herr Hüther, die einen fordern, so schnell wie möglich rundum digitale Bildungsversorgung in den Schulen, die anderen kontern: Vorsicht, erst didaktische Konzepte, dann die digitalen Medien, die dazu passen. Welcher Weg ist richtig? Hüther: Es ist ein sonderbares Phänomen, das in vielen Entscheidungsbereichen, auch in der Wirtschaft, um sich greift: Weil es nicht gelingt, die wirklich wichtigen Probleme zu lösen, verlagert sich die Diskussion auf irgendeinen Nebenschauplatz und beginnt um Themen zu kreisen, über die sich dann trefflich streiten lässt. Unseren Kindern und Jugendlichen droht keine digitale Vereinnahmung. Die hat längst stattgefunden. Die statistischen Erhebungen zur täglichen Nutzungsdauer digitaler Medien machen das ja überdeutlich. Und wer darüber streiten möchte, wie eine künftige „digitale Bildungsversorgung“ in den Schulen auszusehen hat, müsste zunächst erst einmal klären, was mit „Bildung“ gemeint ist und wohin sie führen soll. Erst dann, wenn sich alle Beteiligten einig sind, welche Aufgabe die Schule hat, kann man über geeignete didaktische Konzepte zur Umsetzung dieses Anliegens reden und darüber nachdenken, wie sich digitale Medien dafür nutzen und einsetzen lassen. Wo liegen aus Sicht des Hirnforschers die Grenzen digitaler Bildung, wo die Möglichkeiten? Wenn Sie mit „digitaler Bildung“ die Nutzung digitaler Medien für die Aneignung von Bildung meinen, so lässt sich aus neurowissenschaftlicher Sicht nur eines feststellen: Solange digitale Medien als Werkzeuge zum Erreichen dieses Zwecks eingesetzt werden, bieten sie eine Vielzahl bisher ungenutzter Möglichkeiten. Werden sie jedoch als Instrumente zur Affektregulation benutzt, besteht die Gefahr der Herausbildung einer psychischen Abhängigkeit. Leider lernen die meisten Heranwachsenden die digitalen Medien nicht als nützliche Werkzeuge für die eigene Bildung kennen, sondern nutzen sie zur Kompensation ungestillter Bedürfnisse, z. B. nach Anerkennung, nach Verbundenheit, nach Ablenkung ... Eignen sich einige Fächer besser als andere für die digitale Schullehre? Als geeignete Werkzeuge lassen sich digitale Geräte in allen Bereichen einsetzen, auch im Sport, beim Mu- Bildung: Die größte Baustelle in den Schulen ist nicht die Digitalisierung, sondern die Frage, welchem Zweck Schulen dienen sollen, meint der Hirnforscher und Bestsellerautor Gerald Hüther. sizieren oder beim künstlerischen Gestalten. Und natürlich auch für Recherchen zu bestimmten Themen, für das Erstellen von Dateien, für komplizierte Berechnungen oder grafische Darstellungen. Sogar für konstruktive Zusammenarbeit in Lerngruppen bieten digitale Medien bislang noch weitgehend ungenutzte Möglichkeiten. zum Aussortieren, zur Ausbildung von Kindern und Jugendlichen? Oder sollen sie Einrichtungen sein, in denen unsere Heranwachsenden lernen, worauf es im Leben ankommt? Ist es das, was Sie meinen, wenn sie von einer „Bildung für ein gelingendes Leben“ reden? Um später im Berufsleben erfolgreich zu sein, brauchen Heranwachsende eine möglichst gute Ausbildung. Um aber in der Lage zu sein, ihr Leben selbstverantwortlich zu gestalten, unterschiedliche Herausforderungen zu meistern, Probleme zu lösen und mit anderen Menschen klarzukommen, eine Familie zu gründen und Kinder auf ihrem Weg ins Leben zu begleiten, brauchen Heranwachsende keine Ausbildung, sondern Bildung – damit ihnen ihr Leben gelingt. In welche der beiden Richtungen – Bildung und Ausbildung – tendiert die Schule aktuell? Aktuell, das macht ja die Corona-Problematik besonders deutlich, hat die Schule vor allem für die Aufbewahrung der Schüler zu sorgen. Daneben geht es dort um eine möglichst gute Vorbereitung für weiterführende Ausbildungen und um Selektion. Bildung für ein gelingendes Lernen lässt sich nicht unterrichten, die können Heranwachsende nicht in speziellen Einrichtungen, sondern nur im richtigen Leben, also in unmittelbarer Kommunikation miteinander, erwerben. Und das Leben findet ja nicht digital statt. Welche Folgen kann das haben? Die lebendigen Erfahrungsräume brechen immer mehr weg, weil Schule als Ausbildungseinrichtung so dominant geworden ist, dass junge Menschen sich kaum noch in Vereinen oder anderen Bereichen engagieren können. Diese Menschen sind gut ausgebildet, aber viele sind regelrecht lebensuntüchtig. Der Begriff „Lernen“ hat eine negative Konnotation. Wie kann man das ändern? Kann das Digitale dabei helfen? Solange das „Lernen“ so wie bisher mit Schule und Ausbildung, mit Auswendiglernen für Prüfungen verbunden und all den dabei gemachten negativen Erfahrungen verknüpft wird, bleibt das Lernen (und später das Arbeiten) zwangsläufig etwas, das man machen „muss“. Das wird mit einem unangenehmen Gefühl verknüpft. Ändern ließe sich das aber nicht durch Digitalisierung, sondern nur dadurch, dass Lernen und Tätigsein als etwas Angenehmes erfahren werden, als etwas, was man „darf“ und auch selbst will. Anders geht es Gerald Hüther: „Schule ist als Ausbildungseinrichtung so dominant geworden ist, dass junge Menschen sich kaum noch in Vereinen oder anderen Bereichen engagieren können.“ Foto: www.gerald-huether.de Gerald Hüther n ist einer der bekanntesten Hirnforscher Deutschlands und Autor zahlreicher populärwissenschaftlicher Bücher, u. a. „#Education For Future: Bildung für ein gelingendes Leben“. Hüther ist Vorstand der Akademie für Potentialentfaltung. n Er war von 2004 bis 2016 für die Neurobiologie an der Universität Göttingen tätig. n Hüther versteht sich als „Brückenbauer“ zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und gesellschaftlicher bzw. individueller Lebenspraxis. nicht, auch wenn es noch einige Zeit dauert, bis sich die Erkenntnis ausbreitet, dass „Lernen“ und „Gestalten“ eine Grundeigenschaft alles Lebendigen sind. Wer nichts mehr lernen kann, ist tot. Und wer anderen die Freude am Lernen verdirbt, raubt ihnen die Freude am Lebendigsein. Schule müsse vor allem Lösungskompetenz vermitteln, heißt es in Bezug auf ökonomisch verwert bare Qualifikationen. Können das digitale Lernformate genauso gut oder besser leisten als analoge? Natürlich eignen sich digitale Medien zum Erwerb von Lösungs kompetenz. Allerdings nur dann, wenn der oder die Lernende auch ein eigenes Interesse daran hat, sich diese Kompetenz anzueignen. Sonst geht das nicht. Dann brauchen sie eine Person, die dieses Interesse bei ihnen zu wecken imstande ist. Welche Fachleute sollten bei der Konzeption digitaler Inhalte und beim geeigneten Austarieren digitaler und analoger Bildung involviert sein? Das sollten Personen sein, denen die Kinder und Jugendlichen wirklich am Herzen liegen. Es geht schließlich um sie und nicht um die Einführung und den Einsatz pädagogischer Techniken und Methoden. Gelingt es dem Bildungssystem, diejenigen für Studiengänge zu gewinnen, die tatsächlich an den von ihnen gewählten Fächern interessiert sind, etwa Schulabsolventen für die Ingenieurwissenschaften? Alle Kinder kommen mit einer Fülle unterschiedlicher Begabungen auf die Welt. Und darunter gibt es auch mehr als genug, die später einmal begeisterte Ingenieure werden könnten. Wenn es davon an den entsprechenden Hochschulen mangelt, so liegt das nicht an den Heranwachsenden, sondern an den ungünstigen Erfahrungen, die viel zu viele Heranwachsende schon zu Hause oder im Kindergarten, nicht zuletzt aber in der Schule gemacht haben oder machen mussten. Zu diesen ungünstigen Erfahrungen zählt auch der Mangel an Begegnungen mit erwachsenen Vorbildern, die von ihrer Tätigkeit, zum Beispiel als Ingenieure, wirklich begeistert sind. Wie richtungweisend sollten Schulnoten für die spätere Karriere sein? Wir brauchen diejenigen, die ein Fach wirklich aus Begeisterung wählen und nicht, weil der Notenschnitt die Wahl ermöglicht. Die Schulen lassen sich aber von weiterführenden Einrichtungen leiten, die selbst zu faul sind, ihre Bewerber auszusuchen. Ist die digitale Herausforderung überhaupt die größte Bildungsbaustelle? Es ist keine Herausforderung, sondern eine Schande, dass es immer noch Schulen ohne effektiv funktionierenden Internetzugang für alle Schüler gibt und dass einzelne Schüler kein geeignetes Endgerät besitzen oder zur Verfügung gestellt bekommen. Es ist auch blamabel, dass wir immer noch darüber diskutieren, statt diese Zustände endlich abzustellen. Aber die größte Baustelle auf dem Bildungssektor ist nicht die Digitalisierung, sondern die endlich zu klärende Frage, wozu unsere Schulen dienen sollen: zur Aufbewahrung,

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