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Heiko Mell, Zeugnis in:

VDI nachrichten, page 36 - 37

VDI nachrichten, Volume 75 (2021), Issue 04, ISSN: 0042-1758, ISSN online: 0042-1758, https://doi.org/10.51202/0042-1758-2021-04-36-3

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VDI Verlag, Düsseldorf
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n LESERREAKTION Schüler ehren ihren Lehrer 3.102. Frage: Ich möchte mich bedanken für Ihre unermüdliche, gewissenhafte Arbeit an dieser Serie. Ich besuche seit etwas mehr als einem Jahr eine Technikerschule in Vollzeit. Sicher wird es Sie freuen, dass es eine der ersten Anweisungen unseres Klassenlehrers war, Ihre Ausführungen in den VDI nachrichten zu lesen. Seither stelle ich diese auch in unsere WhatsApp-Klassengruppe ein. Wenn ich einen Wunsch äußern dürfte, wäre es dieser: Wäre es Ihnen möglich, die Leistung unseres Klassenlehrers, Herrn Rapp, zu ehren. Über Jahre hat er sorgfältig technisches Unterrichtsmaterial erarbeitet und dieses auf seiner Homepage der ganzen Welt zur Verfügung gestellt. Nun ist er im Ruhestand, und ich habe das Gefühl, dass er nie der Ehre teilhaftig wurde, welche ihm zugestanden hätte. Antwort: Ich gestehe, ich bin gerührt. Eine so herzliche Anerkennung erfahren Lehrer aller Art nur selten. Weil Vorweihnachtszeit ist, während ich das schreibe, und weil Sie, geehrter Einsender, der erste Leser waren, der auf diese Idee kam, mache ich zwei einmalige Ausnahmen: Ich veröffentliche diese persönliche Ehrung und nenne dabei ganz gegen eines unserer eisernen Prinzipien einen Namen. Buchen Sie es unter Corona-Rabatt. Gleichzeitig bin ich sicher, dass der Name dieses Pensionärs stellvertretend steht für alle Wissensvermittler, die sich besonders und erfolgreich, oft deutlich über die Grenzen ihrer Pflicht hinaus, für die Bildung der ihnen anvertrauten Lernenden engagiert haben und weiter engagieren. Insofern, lieber Herr Rapp, vielen Dank und weiterhin alles Gute für Sie, der Sie hier einen Moment lang für die vielen „Rapps“ unseres Bildungssystems stehen. Und ich nutze die Chance für diesen schlichten Hinweis: Unser gesamtes Wirtschafts- und Berufssystem ist nur dann so erfolgreich auch im globalen Vergleich, wenn es weiterhin in allen Bereichen Menschen gibt, die deutlich mehr tun, als es ihre Pflicht gewesen wäre – und die damit leben, dass sie nur selten die ihnen eigentlich gebührende Anerkennung erfahren. n BERUFSEINSTIEG Einser-Kandidat mit Startproblemen 3.103. Frage/1: Ich habe ein Abitur mit 1,6 und einer Auszeichnung im Fach Mathematik, einen TU-Bachelor mit 2,8 (eine Begründung sehe ich darin, dass dieser Intensivstudiengang ausschließlich kluge Köpfe angelockt und zugelassen hat), sowie einen TU-Master in Maschinenbau & Management mit 1,4. Ich würde mich also tatsächlich zu den „Einser-Kandidaten“ zählen, auch wegen meiner Ambition, meiner Zielstrebigkeit und meiner Leistungsbereitschaft (was hier aber irgendwo natürlich nur unbelegbare, leere Floskeln sind). Antwort/1: Bei dem für Ihren Anspruch und vermutlich für Ihr entsprechendes Potenzial sehr enttäuschenden Bachelor-Abschluss beziehen Sie sich auf den elitären Rahmen Ihrer TU und sehen darin eine Erklärung für das wenig nach Elite klingende Ergebnis. Nehmen Sie das lieber als eine – in jedem Fall – selbst verschuldete Niederlage hin, suchen Sie den Fehler nur bei sich. Und: Man reift an seinen Niederlagen. ortet“ als ein Einkäufer oder ein Logistiker, die leichter die Branche wechseln können. Frage/4: Ich bin u. a. bei einem Logistikdienstleister in der Automobilbranche im Gespräch. Wie schätzen Sie die Chancen ein, um (eines Tages) aus einer führenden Position einen Unternehmenswechsel oder sogar einen Branchenwechsel aus der Fertigungsindustrie hinaus vollziehen zu können? Antwort/4: Sie werden dort vorrangig Logistik- Fachmann und damit hochinteressant für Logistikaufgaben auch in anderen Branchen. Oft gelingt es dann, mit dem „Schlüssel Logistik“ in eine Wunschbranche zu wechseln. Es ist ein Weg, wenn auch einer, der den Nachteil aller Umwege hat. Was mir am meisten Sorgen macht: Ihr Lebenslauf zeigt – bei erkennbar überdurchschnittlichen geistigen Fähigkeiten – erst das enttäuschende Bachelor-Ergebnis und weist jetzt sowohl unter „Praxis“ als auch unter „Bildungsweg“ nur Eintragungen aus, die älter als ein Jahr sind; seitdem ist „nichts“, sind Sie arbeitslos. Es muss jetzt etwas geschehen! n NOTIZEN AUS n DER PRAXIS Zeugnis 519: Wenn im Aufhebungsvertrag „gut und wohlwollend“ steht Arbeitgeber beenden Beschäftigungsverhältnisse mit Angestellten gern per Aufhebungsvertrag. Dazu brauchen sie die Unterschrift des Mitarbeiters, was diesem wiederum einen gewissen Verhandlungsspielraum eröffnet: Er unterschreibt ggf. erst, wenn auch hinsichtlich seiner Wünsche ein vertretbarer Kompromiss im Vertragskonzept steht. Ein für den Mitarbeiter wichtiger Aspekt ist dabei die Festlegung einer bestimmten Aussage im Zeugnis. Üblich ist eine Vertragsformulierung, die zu erstellende Bewertung solle „gut und wohlwollend“ sein. Mitunter heißt es auch, der Durch das Abiturergebnis vorher und den Master danach ist das etwas ausgeglichen – aber finden Sie in Vorstellungsgesprächen eine Erklärung, die beginnt mit „Ich habe einen Fehler gemacht – und daraus gelernt.“ Das überleben Sie, es schmückt Sie sogar! Frage/2: Die Corona-Krise hat meinen Berufseinstieg deutlich erschwert. Meine Wunschstellen als Trainee haben sich teilweise in Luft aufgelöst, mündliche Zusagen wurden widerrufen und meine Wunschbranche (Konsumgüter) leidet unter den Pandemiefolgen. Insofern ist auch ein Direkteinstieg als Alternative derzeit kaum möglich. Ich könnte mir jedoch auch für eine akademische Weiterbildung (der Gedanke begleitet mich schon eine Weile) eine Promotion an einem Institut vorstellen. Nun weiß ich, dass Sie einer Promotion als Wirtschaftsingenieur in der Vergangenheit eher skeptisch gegenüberstanden. Würden Sie diese Skepsis auch in der jetzigen Situation und mit weniger Alternativen immer noch so unterschreiben? Antwort/2: Es geht nicht um meine Skepsis, sondern ich weise nur darauf hin, dass man zwar den klassischen Dr.- Ing. in Stellenanzeigen als gesucht findet, den promovierten Dipl.- Wirtsch.-Ing. jedoch eher selten. Der Aufwand, um in diesem beruflichen Spektrum zu promovieren, könnte sich also hinterher nicht auszahlen. Oder er könnte wegen mangelnder Nachfrage sogar bremsend auf Ihre späteren Chancen wirken. In einer Marktwirtschaft kann es zwar durchaus eine Chance bedeuten, den Kunden (Arbeitgebern) etwas anzubieten, was sie bisher nicht gesucht hatten – aber damit ist auch ein sehr großes Risiko verbunden. Frage/3: Würden Sie – aus der Not heraus – Absolventen zu einem „Branchenbruch“ raten, wenn in der Wunschbranche aktuell keine Positionen zu besetzen sind? Antwort/3: Alles, der Job in einer fremden Branche oder die am Markt nicht nachgefragte Promotion, ist besser als „nichts“, also andauernde Arbeitslosigkeit. Aber die Promotion könnte Ihr heutiges Problem nur in die Zukunft verlagern – es kann nach Promotionsabschluss neue Krisen geben. In der fremden Branche würden Sie allmählich heimisch werden, Sie wüchsen dort hinein. Nach drei bis fünf Jahren wäre dann jene Branche Ihre berufliche Basis, ein erneuter Wechsel in frühere Lieblingsbereiche könnte schwierig werden. Das hängt auch von der Tätigkeit ab: Ein Entwicklungsingenieur wird näher bei einer Branche bzw. einem Produkt „ver- Ihre Fragen zum Thema „Karriereberatung“ beantwortet Dr.-Ing. E. h. Heiko Mell, Personalberater in Rösrath. n heiko-mell.de 36 KARRIEREBERATUNG 29. Januar 2021 · Nr. 4 Heiko Mell im Video über Corona und die Folgen Wie hat die Coronakrise den Bewerbungsprozess verändert? Worauf muss ich bei Jobinterviews per Videokonferenz achten? Was ist noch für den Ingenieurarbeitsmarkt zu erwarten? Darüber spricht Heiko Mell mit VDI-nachrichten-Ressortleiter Peter Steinmüller im Video- Podcast: n ingenieur.de/mell-coronakrise Mitarbeiter könne dazu dann einen eigenen Entwurf vorlegen, von dem der Arbeitgeber „nur aus wichtigem Grund“ abweichen dürfe. Viele Arbeitnehmer halten mit einer solchen Regelung das Zeugnisproblem für gelöst. Ich sehe das ausgesprochen skeptisch. Häufig wird dabei der endgültige Zeugnistext erst Monate nach dem Abschluss des Aufhebungsvertrags formuliert. Dann ist der inzwischen längst freigestellte und aus den Gedanken des Arbeitgebers verschwundene Mitarbeiter schon Geschichte, niemand hat jetzt noch ein Interesse daran, etwas für ihn zu tun, was nicht zwingend vereinbart worden ist. Also erhält er ein oft lieblos heruntergeschriebenes, gerade die Mindestanforderungen des Vertragstextes erfüllendes Zeugnis. Und wenn er noch einen bestimmten Formulierungswunsch hat, sei es zu den dargestellten Aufgaben und Arbeitserfolgen oder zur Bewertung, ist er nur noch Bittsteller oder auf den – kritischen – Klageweg angewiesen. Ich empfehle meinen privaten Beratungskunden einen anderen, überwiegend erfolgreichen Weg: Während der noch laufenden Verhandlungen mit dem Arbeitgeber, also noch vor der Unterschrift unter den Aufhebungsvertrag, arbeitet der Mitarbeiter eine komplette Zeugnisformulierung aus und lässt deren Text als „Anlage A“ verbindlich in den Vertragstext aufnehmen. Natürlich kann der Arbeitgeber seinerseits Formulierungsänderungen am Zeugnistext vorbringen – aber zu jenem Zeitpunkt will er die Unterschrift des Mitarbeiters und ist erfahrungsgemäß bereit, sich in der Frage einer bestimmten Textzeile im Zeugnis großzügig zu zeigen, da er ja sein Hauptziel (Trennung von dem Mitarbeiter) unbedingt erreichen will. Letztlich ist das Zeugnis für den Arbeitgeber keine annähernd so große Hürde, wie es z. B. die Verdopplung der angedachten Abfindungssumme wäre. Ich stoße jedenfalls mit der Methode auf große Akzeptanz bei allen Beteiligten. Dabei betrifft diese Regelung nicht nur die Fakten des Aufgabengebiets, die Auflistung erzielter Erfolge und die „Schulnoten“ der Bewertung im Zeugnistext. Es geht auch um die Umstände des Ausscheidens: Wer hat offiziell wem gekündigt? Auch das ist grundsätzlich verhandelbar, auch dazu sind Kompromisse möglich. Wie so oft steckt auch dabei der Teufel im Detail. So erstrebenswert z. B. ein vereinbartes „Ausscheiden auf eigenen Wunsch“ grundsätzlich auch wäre, so unglücklich kann sich eine pauschale Vorab-Festlegung später auswirken: Ein Ausscheiden auf eigenen Wunsch ist nur glaubwürdig und ratsam, wenn der Lebenslauf am Tag nach dem Ausscheiden ein neues Arbeitsverhältnis ausweist. Ist das nicht der Fall, wäre der Mitarbeiter ja „arbeitslos auf eigenen Wunsch“ geworden. Das wiederum mag man auf dem Arbeitsmarkt gar nicht. Da aber beim Unterschreiben des Aufhebungsvertrags noch nicht klar ist, ob der Mitarbeiter nahtlos ein neues Arbeitsverhältnis findet, wäre die pauschale Festlegung auf das „Ausscheiden auf eigenen Wunsch“ nicht ratsam. Für den Fall „Arbeitslosigkeit“ wäre dann eine arbeitgeberseitige Entlassung aus zwingenden betrieblichen Gründen, die ausdrücklich weder mit den Leistungen noch der Person des Mitarbeiters in Zusammenhang steht, deutlich vorzuziehen (auch dazu gibt es überzeugende Formulierungen). Also braucht im Idealfall der Mitarbeiter kurz vor dem Tag des endgültigen Ausscheidens die Wahlmög- Und wo bleibt da die „moralische Rechtfertigung“ solcher ausgehandelten Formulierungen bis hin zu krass „geschönten“ Darstellungen in Zeugnissen? Nun, der Gesetzgeber will diese Dokumente ohnehin nicht der absoluten Wahrheit entsprechend formuliert sehen, damit haben alle diese Überlegungen angefangen. Und dann sind entlassene Mitarbeiter oft absolut ohne eigene Schuld in solche Mühlen geraten und haben ein wenig Unterstützung durchaus verdient. Das sehen viele Unternehmen durchaus auch so. Und ein kritischer Bewerbungsempfänger hat trotz solcher „kreativen Lösungen“ immer noch genug Möglichkeiten, das derart „gestaltete“ Zeugnis zu interpretieren: Wie passt sich dieses Dokument in den beruflichen Gesamtzusammenhang ein? Gibt es etwa die Kombination eines überaus lobenden Superzeugnisses mit einer auffällig kurzen Dienstzeit? Weichen die Bewertungsfloskeln stark von früheren Arbeitgeber- oder Studienzeugnissen ab? Wirkt die ganze „Geschichte“, die der Bewerber da präsentiert, in sich überzeugend und logisch, entspricht sie den üblichen Gepflogenheiten? Mit einem erfolgreich abgestimmten sehr guten Zeugnis hat der Mitarbeiter noch längst nicht alle Probleme im Zusammenhang mit diesem Ausscheiden bei seinem Arbeitgeber gelöst. Aber er hätte noch größere Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt, wäre zusätzlich zu seiner Entlassung nun auch noch das Zeugnis erkennbar schlecht oder kritisch. Es bleibt bei der etwas zynisch klingenden Frage: Selbst wenn ein tadelloses Zeugnis in einer bestimmten Situation noch keine totale Entlastung des Bewerbers bedeutet – was würde demgegen- über ein schlechtes bewirken oder beweisen? lichkeit zwischen „Anlage A1“ mit dem Ausscheiden auf eigenen Wunsch und „Anlage A2“ mit den zwingenden betrieblichen, den Mitarbeiter entlastenden Entlassungsgründen. Auch das ist möglich! Das alles geht nur, wenn man es überzeugend begründet und wenn der Gesprächsfaden zwischen Arbeitgeber und Mitarbeiter noch nicht zerrissen ist. Man kann den Arbeitgeber nicht zu einer Akzeptanz zwingen, aber man kann ihn zu überzeugen versuchen. Neben Argumenten hat sich dabei die Verhandlung über die Höhe der Abfindungssumme bewährt. Ein Teilverzicht hier und ein zusätzlicher Wunsch dort finden häufig durchaus Zustimmung. Geld ist für Unternehmen stets ein hartes, unschlagbares Argument – ein Zeugnis, das laut Gesetz ohnehin nicht „wahr“ sein muss oder darf, hat für das Unternehmen häufig ein erkennbar geringeres Gewicht, kann aber für den Mitarbeiter noch in fünf Jahren sehr wertvoll sein. Kontakt n Wir gewähren größtmögliche Diskretion. Jeder Fall wird so dargestellt, dass es keine konkreten Hinweise auf Sie als Fragesteller gibt. Es werden keine Namen genannt. n Die Frage muss von allgemeinem Interesse sein und erkennbar mit dem Werdegang eines Ingenieurs im Zusammenhang stehen. Eine individuelle Beantwortung von Briefen ist nicht vorgesehen. Rechtsauskünfte dürfen wir nicht erteilen. Autor und Verlag übernehmen keinerlei Haftung. n Bitte richten Sie Ihre Fragen an: VDI nachrichten Karriereberatung, Postfach 101054, 40001 Düsseldorf karriereberatung@vdi-nachrichten.com www.vdi-nachrichten.com/heikomell 29. Januar 2021 · Nr. 4 KARRIEREBERATUNG 37 w w w . i n g e n i e u r . d e / n e w s l e t t e r ingenieur.de Karriere: 2 x monatlich Infos rund um die Karriereplanung ingenieur.de news: 2 x wöchentlich Neues aus der Welt der Technik Das Wichtigste zu Technik & Karriere: JetZt KOstenFrei abOnnieren ! RZ_INGde_AZ_Newsletter_249x124_TZ.indd 1 18.04.19 14:49

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