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Christiane Schulzki-Haddouti, Graben für den Anschluss in:

VDI nachrichten, page 9 - 9

VDI nachrichten, Volume 75 (2021), Issue 04, ISSN: 0042-1758, ISSN online: 0042-1758, https://doi.org/10.51202/0042-1758-2021-04-9

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VDI Verlag, Düsseldorf
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29. Januar 2021 · Nr. 4 TECHNIK & WIRTSCHAFT 9 Graben für den Anschluss Von Chr. Schulzki-Haddouti D ie Schüler und Lehrer des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums in Bergisch Gladbach legten Ende November selbst Hand an: Sie hoben im Rahmen des Kunstunterrichts mit Spaten und Minibagger einen Graben auf dem Schulgelände aus: Er führte vom alten Schulgebäude in Richtung des Kreishauses. Denn der Kreis ist zuständig für den Breitbandausbau. Der Graben sollte als Symbol für den benötigten Anschluss ans Glasfasernetz dienen. Auf die Idee des Grabens als „soziale Skulptur“ war Kunstlehrer Piet Beuys, ein Nachfahre von Josef Beuys, gekommen. Denn der 50-Mbit/s-Internetzugang war zu langsam, um etwa im Kunstunterricht Bilder im Internet zu recherchieren. Der Baggeraktion gingen „unglaublich viele Gespräche, E-Mails, Anfragen“ voraus, erzählt Schulleiter Frank Bäcker. Der neue Bürgermeister habe das Problem zur Chefsache erklärt. Bäcker: „Vielleicht war es genau die Aktion, die letztlich den Anstoß gegeben hat, aber tatsächlich soll schon in wenigen Monaten hier und auch an anderen Schulen der Stadt ein Glasfaseranschluss verlegt werden.“ Bäcker: „Wir sind völlig begeistert und dankbar dafür, da sich bei unserer Schule wirklich ein ganzes pädagogisches Konzept dahinter verbirgt.“ Das Dietrich-Bonhoeffer- Gymnasium war dafür als „Digitale Schule“ vom Land NRW ausgezeichnet worden. Das Tablet sei an der Schule ein „Kulturzugangsgerät“, sagt Bäcker, was als Basis ein stabiles, leistungsfähiges Internet bedinge. Das Konzept für digitales Distanzlernen hatte die Schule im November an einem „Digitalen Donnerstag“ ausprobiert, um sich für den nächsten Lockdown vorzubereiten. Die Realität sieht immer noch anders aus. In einer repräsentativen Forsa- Umfrage aus dem Dezember bemängelten 58 % der befragten Lehrerinnen und Lehrern die schlechte technische Ausstattung der Schule und die unzureichende Versorgung mit digitalen Endgeräten. Betroffen sehen sich mit 67 % vor allem Lehrkräfte an den Grundschulen. 78 % der Schulen nutzen inzwischen eine Lernplattform für den Fernunterricht. Doch während es bei Gymnasien 98 % sind, sind es bei Grundschulen und Förderschulen nur knapp 60 %. Noch schlechter sieht es beim Streamen von Videokonferenzen aus: 60 % der Lehrer an Gymnasien berichten, dass das geht, aber nur 40 % der Lehrer an Förderschulen und 34 % an Grundschulen. Das liegt oftmals an der Internet- Digitale Schule: Noch immer fehlt vielen Schulen der Breitbandanschluss. Kommunen rüsten jetzt nach. verbindung im Schulgebäude. Nur bei jeder dritten Schule ist sie derzeit ausreichend (s. VDI nachrichten 36/20). Die Bundesländer stellen den Schulen Lernportale zur Verfügung. Im Januar ruckelte es kräftig in der Woche nach dem Start der Schulen, weil diese teilweise dem Ansturm von Schülern und Lehrern nicht gewachsen waren. Inzwischen wurden die Kapazitäten aufgestockt. Doch das Thema Breitbandausbau bleibt. Doch Köln zeigt: Es tut sich etwas. Mit ihren 260 Schulen, 11 000 Lehrkräften und rund 136 000 Schülerinnen und Schülern ist die Stadt Köln der drittgrößte Schulträger in Deutschland. Mitte Januar verkündete die Stadt, dass sie „mit Hochdruck“ daran arbeite, die digitalen Möglichkeiten für den Distanz unterricht zu verbessern. Zwar gehörte Köln zu den ersten Städten deutschlandweit, die Ende 2018 alle 294 Schulgebäude mit einem direkten Glasfaseranschluss angebunden hatten, doch in den Gebäuden sind noch nicht alle Glasfaserkabel für einen Gbit/s-Anschluss verlegt. Aktuell trifft das nur auf 70 von rund 270 Schulgebäuden zu. Das soll sich in den nächsten zwölf Monaten ändern. Gegenüber den VDI nachrichten zeigt sich ein Netzwerkbetreuer an einem Kölner Gymnasium sehr erleichtert. Im vergangenen Jahr habe der Anschluss „an allen Ecken und Enden nicht geklappt“, da die Leitung auch mit dem Telefonnetz belegt war. Seitdem der Netzanbieter Netcologne weitere Glasfaserkabel im Gebäude verlegte, sei das Netz stabil, reiche aber noch nicht. Der Netzwerkbetreuer rechnet vor: „Pro Gerät sind 3 Mbit/s bis 5 Mbit/s für eine Zoom- Konferenz zu veranschlagen, also insgesamt 100 Mbit/s pro Klasse.“ Die Schule hofft auf einen 1-Gbit/s-Anschluss. Köln ist dabei noch in der komfortablen Lage, dass sich Netcologne auch um den technischen Support an den Schulen kümmert. 65 Leute aus der Abteilung Education Services kümmern sich ausschließlich darum, wobei das Team jetzt um weitere rund 20 Mitarbeiter vergrößert werden soll. Anders ist das wiederum in der Telekom-Stadt Bonn: Bis zum Jahresende 2020 waren 43 städtische Schulen an das Glasfasernetz angebunden, wozu alle weiterführenden Schulen sowie einzelne Grundschulen gehören. Die übrigen 46 Schulen an 50 Standorten sollen erst ab dem ersten Quartal 2021 über ein gesondertes Ausbauprogramm angeschlossen werden. Wann es abgeschlossen sein wird, ist unklar. Weitere Informationen konnte die Stadt nicht zur Verfügung stellen. Schlechte technische Ausstattung bemängeln 58 % der von Forsa befragten Lehrerinnen und Lehrer per E-Mail verschickt, dann hat das nichts mit Digitalisierung zu tun. Ist das vielleicht auch Deutschland? Ein Land, in dem Blutwerte auf Papier bei Ärzten abgeholt werden müssen und die Gesundheitsämter in Pandemiezeiten am Wochenende geschlossen haben? Da ist sicher was dran. Zwei Drittel der Menschen in Deutschland wünschen sich mehr Tempo beim Ausbau der digitalen Gesundheitsangebote hierzulande. 60 % sind der Meinung, dass Deutschland bei der Digitalisierung des Gesundheits wesens im Vergleich zu anderen Ländern hinterherhinkt. Wenn die Gesundheitsämter jetzt mit Stolz verkünden, dass sie seit zwei Wochen keine Faxgeräte mehr einsetzen, dann sollten wir ins Grübeln kommen. Ich habe mein Faxgerät vor 20 Jahren abgeschafft. Die Software Sormas zum Managen von Epidemien wurde in Deutschland entwickelt, aber nur 111 Gesundheitsämter von rund 400 setzen sie ein. Wie kann das sein? Die deutsche Software Sormas hat sich längst bewährt. Nigeria setzt sie schon lange ein – aus der Not heraus, seit der Ebola-Epidemie 2014. In Deutschland hat man in einem verhältnismäßig ruhigen Sommer versäumt, die Digitalisierung in den Gesundheitsverwaltungen vor Ort auf Vordermann zu bringen. Da hätte man Programme zur Kontaktverfolgung implementieren können. Man hätte sie testen können. Mittlerweile haben einige Gesundheitsämter auf andere Programme gesetzt oder Eigenlösungen entwickelt. Jetzt haben wir einen Flickenteppich an Lösungen, der sich nicht vernetzen und damit auswerten lässt. Es findet mittlerweile niemand mehr witzig, wenn Gesundheitsämter 17 Tage brauchen, um zu wissen, was an Weihnachten passiert ist. Das lassen sich die Bürger auf Dauer nicht gefallen. Aber aktuell schlucken Bürgerinnen und Bürger doch noch vieles. Dabei ist die Basis der Pandemiedaten oft fragwürdig, weil sie nicht aktuell sind ... Vieles scheitert an der föderalen bzw. kommunalen Verantwortung oder eben Nicht-Verantwortung. Wenn wir der Meinung sind, dass alle Gesundheitsämter beispielsweise Sormas einsetzen sollen, dann müssen Bund und Länder das unterstützen. Das Gleiche gilt für die Corona- Warn-App. Was wäre das für ein starkes Werkzeug, wenn man sie richtig einsetzen könnte. Wie sähe das dann aus? Mir würde es schon reichen, wenn Sie auf freiwilliger Basis Ihre Daten abgeben könnten. Wo haben Sie sich mit wem getroffen? Ich glaube, das würden viele nutzen, Das wäre dann auch für die Gesundheitsämter attraktiv. Die könnten sehr schnell Kontakte, Herde, Superspreader erkennen. Dann macht die App auch wirklich Sinn. Geht Deutschland einen Schritt zurück, sobald es um den Umgang mit großen Datensätzen geht? Ja, das mag sein. Bei Unternehmen sieht das allerdings anders aus. Wenn wir in der Wirtschaft ein Thema haben, dann sind wir fokussiert, haben einen Plan A und auch einen Plan B. Es ist für mich schwer zu akzeptieren, dass das im öffentlichen Sektor so gähnend langsam geht. Achim Berg: „Es kann nicht sein, dass Lehrer sich in rechtliche Grauzonen begeben müssen, um innovativen Unterricht zu gestalten.“ Foto: ddp images/Ruslan Olinchuk

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